MITTEILUNGEN ZUM HUNGERSTREIK VOM 6.11.1975 AUS DER PATIENTENFRONT

Das Sozialistische Patientenkollektiv hat der revolutionären Produktivkraft Krankheit zu Begriff und Durchbruch verholfen. Erste Manifestation war der kollektive Hungerstreik der Patienten 1970.

Wacht auf Verdammte dieser Erde/
die stets man noch zum Hungern zwingt.

Wo sonst unterdrückerische Gewalt durch die Fermente Hunger und Armut zu Krankheit gerinnt, da führte dieser Hungerstreik in der Krankheit fürs erste zur Entwaffnung der Ärztekaste und zur fortgesetzten Selbstentlarvung dieser Kernbastion von Kapitalismus und Krankheit, weit über den räumlichen und zeitlichen Umfang des SPK hinaus.

Das Freund-Feindverhältnis, konstitutiv für jede Politik - was kein bürgerlicher Staatsrechtler je bezweifelt hat - ist in der Konsequenz dieses Ansatzes Widerspruch des Wesens selbst - was die Linke noch zu lernen hätte, oder sollte sich daran inzwischen schon etwas geändert haben? -
und nicht länger nur erscheinender Unterschied, der sich taktisch und wie es gerade paßt wenden und verwenden ließe.

Denn Krankheit ist in der Systematik Kapitalismus Machwerk, sein Machwerk, das er nicht umkehren kann. Folglich "der Mensch" im Freund-Feindverhältnis, wie es der revolutionäre Patient, um nicht zu sagen: der Kommunist aus Substanz vorfindet, wesentlich durch Manichäismus zu ersetzen.

Ein letzter Strich durch Zeitplan und Diktat des schmierigen, wie uniformierten Mordgesindels, dieser Befehlsroboter in Weiß, Grün und Schwarz: darum dieser Hungerstreik, darum jetzt und zwar erst recht!

Darum bedingungslos.
Der Entschluß dazu liegt Jahre zurück.
Die Durchführung wird zeigen, daß es sich um Protest in der Krankheit handelt, an dem eben deshalb Rachejustiz, Folterterror und Hirnwäsche exemplarisch zerbrochen sind.

Was zu beweisen war.

Denn die Probe aufs Exempel eines revolutionären Prinzips bewahrheitet sich in dessen Fähigkeit, seine Träger zu überdauern. So nimmt diese Einzelaktion die Beschlüsse der Patienten-Internationale vom 6.11.'72 auf, um die konkret zu machen.

Wir siegen.

So kehrt diese Negation der Negation in Permanenz (hier: unbefristeter Hungerstreik in der Krankheit) gleichsam am Leitfaden der dialektischen Spirale die Konstellation des Anfangs Windungen weiter in sich selbst um: die ärztlich maskierte Mordlust ist in diesem Fall auf Vorposten, denn sie kann sich nicht mehr, hinter Hetzpresse, Linksbourgeoisie, Regierungskabinetten, Staatsschutzkammern und Exekutivorganen verschanzt, der Verantwortung entziehen. Ihr sind nämlich seitens der Gerichte inzwischen alle Entscheidungen in Sachen Hungerstreik in ungeteilter Alleinverantwortung aufgehalst.

Ob sie zwangsernährt, zwangs dies, zwangs das oder nicht - beides wird ihr schaden. Nichts wird davon ablenken können, daß sie heuchlerisch zu kitten versucht, was sie selbst bis in diese Maßnahmen hinein verbrochen hat.

BOSSE IN DIE SCHRANKEN / ALLE MACHT DEN KRANKEN

Was die ärztlich maskierte Gewalt zu bieten hat, ist bestenfalls Folterköder auf der ganzen Linie. Im speziellen Fall das Abfüttern 3 mal täglich in diesen 4 1/2 Jahren Einzelhaft.

  1. ad Folter:

  2. zusammen über 20 Monate waschechte Isolationsfolter, 10 Monate Sonderbehandlung, Post-Bücher-Besuchssperren, Sperrung sämtlicher Gemeinschaftsveranstaltungen - soweit irgend von Gemeinschaft die Rede sein kann -, Entzug sämtlicher Gebrauchsgegenstände seit 2 Jahren, wie Schreibmaschine, Bücher, natürlich auch Fachliteratur, Radiobatterien, Briefmarken, Tabak usw.
    Unterbrechung sämtlicher Kontakte zur Außenwelt bis hin zum totalen Verteidigerausschluß bei noch laufenden Gerichtsverfahren seit Mai '75. Nächste Angehörige dummdreist noch auf dem Sterbelager belogen und verarscht. Ganze Arbeit einer überreifen Leistungsgesellschaft.
  3. ad Köder:

  4. neuerdings zwangsweise und ins Blaue hinein sogenannte Schonkost verordnet. Schonkost aus wurmstichigem Abfall schwemmt auf, soll dadurch den Folterparasiten Medizin vor Kritik schonen und kostet ihn nichts - daher der Name Schonkost. Das Ganze wohl aus der Furcht heraus, zum sozialen auch noch ein physisches Skelett schließlich doch entlassen zu müssen, wenn in den nächsten 4-5 Monaten nicht noch weitere Provokationen verfangen.
    Ganz in Widerspruch zu diesen bei mir immer vergeblichen Köderungsversuchen nebenbei die Tatsache, daß manche Wärter seit Monaten auffällig bemüht waren, mich langsam verhungern zu lassen, indem sie den Essensverteilern Weisung gaben, in meinem Fall die Rationen zu kürzen. Vielleicht als Köder zur Provokation von Wohlverhalten gedacht, denn dergleichen soll bei Hungereuphorie vorkommen.
    Jetzt ist die Rede von Unterernährung (s.o.) und das Verhalten ist keinen Deut "besser" geworden.
Es ist nämlich
3. und hauptsächlich nur eine Weisheit von und für Ochsen und Hunde, sich im Joch die bequemste Stelle zu ertasten, anstatt es abzuschütteln, nach dem Köder zu schnappen, statt die Hand abzubeißen, die ihn zwecks Dressur offeriert. Und wer wird an diesem Köder fetter, wenn er nicht wenigstens durch Hungern bestreikt wird?
Das Verbrechen rund um die Uhr mit dem sinnigen Bandennamen Polizei (Wortstamm bedeutet zusammengezogen soviel wie höflicher Staat), seine weißbekittelte, vereinzelt sogar schon grünbehoste Trottelidiotie mit Namen Medizin und einige schamlose Krüppelkonsumenten mehr.

Wahr und nicht gelogen, BRD und nicht Rußland:

Wer hier hungerstreikt, bekommt fürs erste die Luft abgestellt, bleibt unter allen denkbaren Umständen Tag und Nacht unter Verschluß. Wenn diese Maßnahme indirekter, innerlicher Zusatzvergiftung den Henkern nichts nützt, dann wird ihm auch noch das Wasser abgestellt. Danach wird er zum Beispiel in das Vollzugsirrenhaus Hohenasperg verschleppt, auf jeden Fall aber dem dortigen heimlichen Häuptling, dem bekannten Heerespsychiater von Hitlers Waffen-SS, Herrn Dr. Mauch, heute zu Diensten von Landesvater Filbinger - der "unserem geliebten Führer" gerichtsnotorisch noch Monate nach Kriegsende (ca. 60 Millionen Ermordete, entsprechend potenzierte Milliarden-Profite) "Recht" gesprochen hat und dessen Adlatus, dem Sühne-Bender (auch andernorts bekannt durch die Meuchelmorde im Mannheimer Knast) - dieser besonderen Zierde der Ärztezunft, der wird er dann zu treuen Händen überstellt.

Leute, dieser Hungerstreik ist mir ein Festmahl, von dem ich sicher bin, daß es mir, wo irgend möglich, noch Tage nach meinem Tode schmecken wird, wann immer das ist.

DIE KERNBASTION KLEINSIEGEN,
DEN METROPOLENIMPERALISMUS KLEINKRIEGEN!

LANG LEBE DIE PATIENTENFRONT IN REVOLUTIONÄRER PERMANENZ!

MACHEN WIR DIE KRANKHEIT KNALLROT, BIS SIE PLATZT!

Wolfgang Huber
Zucht- und Tollhaus Ludwigsburg
6.11.'75, 714, Z235

Aus SPK-Dokumentation Teil 3, 1. Auflage 1977