Zahlen und Überzählige
Aus SPK-Dokumentation Teil 3

 

Der folgende Text entzieht aller Wissenschaft samt Technologie jede Grundlage und Gültigkeit auf Nimmerwiedersehen. Er eröffnet dem auf Krankheit gegründeten und dadurch beliebig steigerbaren Bewußtsein erstmals den Blick auf eine nie gesehene, allen gemeinsame Welt, den Blick auf die noch nie so gesehene Möglichkeit einer allen gemeinsamen Welt. Es handelt sich nicht nur um die Achse, den ruhenden Pol und Rechtfertigungsgrund, um die sich alle unsere Veröffentlichungen drehen, sondern alle künftigen, einschließlich revolutionären Veränderungen haben darin den unverrückbaren Maßstab ihrer Zielsetzung.

Dies sollte wissen, wer das liest. Wir selbst haben es aufgeschrieben, damit wir es nicht vergessen.

 

Auf der Suche nach dem Ursprungsort der reinen Verstandesbegriffe wird Sohn-Rethel* in der Realabstraktion des Warentauschs fündig – das Geld, die bare Münze des Apriori.

*Alfred Sohn-Rethel hat als Erster und Einziger das Ungenügen der marxistischen Theorie in Bezug    auf die Naturwissenschaften behoben (‚Körperliche und geistige Arbeit‘). Er hat noch zu Lebzeiten    (14.12.1985) unsere krankheitsbezügliche Anwendung seiner entdeckerischen Erkenntnisse in allen  Teilen als korrekt und zutreffend bestätigt. In einer 1998 in Österreich verbreiteten Schrift des SPK   sind die in dem vorliegenden Text ausgearbeiteten Zusammenhänge exemplarisch aufgegriffen. Es   wird dabei jedem Versuch einer sog. Vergangenheitsbewältigung mit den Mitteln des üblichen   Wissenschaftsbetriebs ein- für allemal Einhalt geboten (vgl. Colectivo Socialista de Pacientes /   Frente de Pacientes, SPK/PF(H) y EMF español: ¡Fortísimo por la enfermedad!, S. 18ff, vgl. auch   PATIENTENSTIMME Nr. 4/5: Gegen alle Wissenschaft).
                                                                                                                             Huber

Gemäß den "progressiven Epochen der ökonomischen Gesellschafts-Formation" (Marx) wandeln sich auch die Formen der Geistestätigkeit: der antiken Sklavenarbeit entspricht die griechische Philosophie und Mathematik, der feudalen Fronarbeit die mittelalterliche Scholastik, der kapitalistischen Lohnarbeit die kategorialen und mathematischen Grundlagen der im 17. Jahrhundert geschaffenen quantifizierenden und exakten Naturwissenschaften. Aber ihrem gemeinsamen Charakter als Formation von Warenproduktion entspricht eine Formkonstante, die die Warenproduktion bei jedem einzelnen Austauschakt als solche identifiziert, und die Marx als die "ökonomische Zellenform" der bürgerlichen Gesellschaft bezeichnet: die Warenform des Arbeitsprodukts oder die Wertform der Ware, die den Keim der Geldform bildet.

Was nun den abstrakten Verstand so rätselhaft macht, ist die Tatsache (Faktum = gemacht), daß darin von jeglicher Wahrnehmungstätigkeit abstrahiert wird. Ebenso wie in die Wertgegenständlichkeit der Warenkörper, im Gegensatz zu ihrer sinnlich groben Gegenständlichkeit, kein Atom Naturstoff eingeht, sind die reinen Verstandesbegriffe gerade dadurch gekennzeichnet, daß in ihnen nichts angetroffen wird, was zur Empfindung gehört (Kant). Behauptet wird nun, daß die Abstraktionsformen, die sich im Warenaustausch geltend machen und die die gesellschaftlich-synthetische Funktion des Geldes ausmachen, sich als die grundlegenden Organisationsprinzipien der in warenproduzierenden, also geldvermittelten Gesellschaften notwendig werdenden Erkenntnisprinzipien erweisen, die die begriffliche Grundlage sowohl der antiken Philosophie als auch der modernen Naturwissenschaften bilden und die Sohn-Rethel mit dem seit Kant geläufig gewordenen Ausdruck "Kategorien a priori" versieht.

Diese un-sinnigen Kategorien waren demnach Vergesellschaftungsformen des Denkens, die den Einzelnen befähigen, für die Gesellschaft zu denken, ihre Denktätigkeiten müssen einen Bezug zueinander haben, der ein Mindestmaß an Einheitlichkeit aufweisen muß. Das heißt: die Privatpersonen von warenproduzierenden Gesellschaften denken unabhängig voneinander, jedoch gleichwohl in denselben identischen Formen des abstrakten Zusammenhangs. Dem Einzelnen allerdings erscheint sein vergesellschaftetes Denken im Gegenteil als Leistung seines, dem Ursprung zwar mysteriösen, der "Logik" nach aber autonomen und ihm ureigenen (Archē) “ego cogitans”.

Gemäß Sohn-Rethel sind diese Kategorien jedoch gesellschaftlich vorgeformt und daher so, wie sie an den Einzelnen gelangen, ihm in fertiger Form gegeben sind, tatsächlich Kategorien a priori und für alle natürlich identisch dieselben. Kant wußte zwar, daß sie vorgeformt sind, aber er verlegte den Vorformungsprozeß ins Bewußtsein selber als eine sowohl zeitlich wie örtlich unlokalisierbare "transzendentale Synthesis"; nach ihm gehören die abstrakten Kategorien der "Spontaneität des Denkens" an – tatsächlich jedoch ist die vorformende Synthesis ein historischer Prozeß und nur bestimmten klar definierbaren Gesellschaften eigen.

Diese gesellschaftliche Herkunft seiner abstrakten Begriffe ist dem Kopfarbeiter selbst jedoch verborgen: die Abstraktheit der Verstandesformen täuscht ihn über ihren historischen Charakter und prägt seinem Denken einen zeitlos absoluten Geltungsanspruch auf – die vermittelnde Bewegung verschwindet in ihrem Resultat und läßt keine Spur zurück.

Das Spezifische der Gesellschaften, in denen Warenproduktion herrscht, liegt nach Marx darin, daß der "Zusammenhang der gesellschaftlichen Arbeit sich als Privataustausch der individuellen Arbeitsprodukte geltend macht" (Marx an Kugelmann).

In der Warenproduktion wurzelt also die Vergesellschaftung nicht mehr im gesellschaftlichen Charakter des Arbeitsprozesses und der umfassenden Kollektivität der Produktionsweise, sondern in einem als Tauschverkehr formalisierten und verallgemeinerten System der Aneignung.

Vergesellschaftung und Arbeit trennen sich, fallen in verschiedene und voneinander getrennte Sphären auseinander. Warenproduzierende Gesellschaften sind also keine Synthesen kraft gesellschaftlicher Arbeit (keine Gesellschaft, welcher Art auch immer, wäre lebensfähig, wenn nicht eine Synthesis gesellschaftlicher Arbeit zustande käme), sondern kraft des Warenaustauschs ("Verhältnis wechselseitiger Fremdheit"), also vermöge wechselseitiger Aneignung der Arbeitsprodukte anderer.

Während der Inhalt und die Aufgaben des "reinen" Verstandes aus der Produktionssphäre entstammen, entspringt das abstrakte Denken der Form nach nicht aus der Produktion, nicht aus dem Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur, sondern allein aus dem Austauschprozeß, auf welchem die gesellschaftliche Synthesis warenproduzierender Gesellschaften beruht. Jeder einzelne Austauschakt vollzieht die Abstraktion der zum Austausch stehenden Warenmengen zu abstrakten Quantitäten. Es ist die absolute, von Qualität überhaupt abgelöste Quantität relationaler Natur, welche dem rein mathematischen Denken zugrundeliegt.

Demnach stünde das Auftauchen von rein mathematischem Denken in seiner ihm eigentümlichen Logik historisch in dem bestimmten Entwicklungsstadium zu erwarten, in dem der Warenaustausch zur tragenden Form der Vergesellschaftung wird, zu einem Zeitpunkt, der durch die Einführung und Ausbreitung von gemünztem Geld kenntlich ist.

So hat Pythagoras, bei dem die mathematische Denkweise in ihrer eigentümlichen Ausprägung zum ersten Mal auftritt, an der Einführung des Münzsystems in Kroton selber mitgewirkt.

Die Abstraktionen der "reinen Vernunft" (Kant) können weder dem Objekt noch dem Subjekt der Erkenntnis entspringen, weder der Natur noch dem reinen Denken, sondern einzig aus der gesellschaftlichen Realabstraktion des Warentauschs. Der Austausch der Waren ist abstrakt, weil er von ihrem Gebrauch nicht nur verschieden, sondern auch zeitlich getrennt ist. In der Tauschhandlung ist die Ware durch den kontradiktorischen Ausschluß gleichzeitiger Gebrauchshandlung als materiell unveränderlich und durch die Negation aller gebrauchswerten Beschaffenheit als völlig abstrakt bestimmt. (Es zeigt sich, daß diese Bestimmtheit im Kantschen Begriff der "Substanz" als "das Beharrliche in der Zeit" eine zutreffende Beschreibung besitzt, die gebrauchswerten Qualitäten der Waren hängen dieser abstrakten Bestimmtheit an wie die Akzidenzien der Substanz.)

Eine zu einem definitiven Preis ausgezeichnete Ware unterliegt der Fiktion vollständiger materieller Unveränderlichkeit, und dies nicht nur von seiten menschlicher Hände. Selbst von der Natur wird angenommen, daß sie im Warenkörper ihren Atem anhält – solange der Preis der gleiche bleiben soll. Die Tauschhandlung verändert nur den gesellschaftlichen Status der Waren, ihren Status als Eigentum ihrer Besitzer, und um diese gesellschaftliche Veränderung ordnungsgemäß vollziehen zu können, müssen die Waren von allen gleichzeitigen physischen Veränderungen ausgenommen bleiben. (Wem dämmert da nicht die Ver-rücktheit dieses für das Funktionieren des Warenaustauschs gesellschaftlich notwendigen Postulats!)

Die Tauschhandlung hat in der Tauschabstraktion die Bestimmtheit abstrakter Bewegung, die durch die Tatsache des Nichtgeschehens von Gebrauchshandlungen während der Zeit und an dem Ort des Austauschs gekennzeichnet ist. Diese Realabstraktion ist eine Abstraktion ausschließlich der Tauschhandlung und nicht des Bewußtseins der Tauschenden. Die Gebrauchshandlung, ob produktiver oder konsumtiver Natur, ist aus der öffentlichen Sphäre des Marktes verbannt und gehört ausschließlich in den Privatbereich der Warenbesitzer. Im Markt bleibt der Gebrauch der Waren für die Interessenten "bloße Vorstellung". Mit der Herausbildung des Marktwesens trennt sich die Imagination vom Tun und individualisiert sich nach und nach zum Privatbewußtsein.

Die Warenbesitzer "können ihre Waren nur als Werte und darum nur als Waren aufeinander beziehen, indem sie dieselben gegensätzlich auf irgendeine andere Ware als allgemeines Äquivalent beziehen. Das ergab die Analyse der Ware. Aber nur die gesellschaftliche Tat kann eine bestimmte Ware zum allgemeinen Äquivalent machen. Dadurch wird die Naturalform dieser Ware gesellschaftlich gültige Äquivalentform. Allgemeines Äquivalent zu sein wird durch den gesellschaftlichen Prozeß zur spezifischen Funktion der ausgeschlossenen Ware. So wird sie – Geld." (MEW 23, 101)

Das Geld als selbständige Form des Warenwerts fungiert somit als die gesellschaftlich anerkannte Austauschbarkeitsform aller anderen Waren und ist dadurch der separate Träger der Realabstraktion des Austauschs. Das Geld ist abstraktes Ding, und seine Abstraktheit ist als gesellschaftliche erkennbar: in der Münzform wird seiner Naturalform die abstrakt-gesellschaftliche Eigenschaft explizit aufgestempelt. Die geprägte Münze ist sichtbar gewordene Wertform. Denn hier ist einem Naturstoff in aller Form aufgestempelt, daß er nicht zum Gebrauch, sondern nur zum Austausch und Wertträger bestimmt ist.

Hier hat sich das bisherige Verhältnis, worin die Wertform der Ware ihrer Naturalform untergeordnet war, umgekehrt: die gesellschaftliche Wertform bedient sich einer bestimmten und besonderen Naturalform zu ihren funktionellen Zwecken, – nur am gemünzten Geld, wie es erstmalig 680 v.u.Z. in Ionien geschaffen wurde, tritt die Realabstraktion überhaupt in Erscheinung.

Damit das Geld seiner Bestimmung, allgemeines Äquivalent zu sein überhaupt gerecht werden kann, muß es das Postulat der materiellen Unveränderlichkeit auf unbegrenzte Zeit erfüllen. Diese Zeit umfaßt die ganze Dauer, in der es zirkuliert, einschließlich der Zeit, in der es schatzbildend der Zirkulation entzogen ist. Nur wenn das Geld diesem Postulat genügt, ist es von der Art, wie es der Markt erfordert. Die Verrücktheit dieser Forderung wird von jeder münzprägenden Autorität (z.B. im antiken Griechenland die Priester) dadurch anerkannt, daß sie das Gewicht und den Feingehalt der Münzen (z.B. Gold) garantiert und sich verpflichtet, Münzen, die einen gewissen Verschleiß erlitten haben, durch vollwertige zu ersetzen. Dieses gesellschaftliche Postulat der materiellen Unveränderlichkeit widerspricht offenkundig den empirisch-physikalischen Eigenschaften des für den Geldkörper einstehenden Naturstoffs – diesen Stoff, aus dem Geld gemacht sein müßte, kann es in der ganzen Natur nicht geben, entbehrt also jeglicher Sinneserfahrung. Für diesen unstofflichen, eben nicht-empirischen Stoff kann es offenkundig eine genuine Repräsentation nur außerhalb oder jenseits des gesamten Feldes von Naturstoff und Wahrnehmungsempirie geben, nämlich einzig in der Form des nicht-empirischen oder "reinen" Begriffs.

Jedermann, der Münzen in der Tasche trägt und ihren praktischen Gebrauch versteht, muß ganz bestimmte begriffliche Abstraktionen im Kopf haben, mag er sich dessen bewußt sein oder nicht, denn er behandelt diese Münzen faktisch als ob sie eine unveränderliche materielle Realität hätten. Die Abstraktionen, die es nirgends als im Denken gibt, haben ihren Ur-sprung nicht in der Denk-Tätigkeit, sondern ausschließlich in der Real-Abstraktion der geldvermittelten Tauschhandlung.

Daß die reinen Verstandesbegriffe nicht das Denken zum Subjekt haben, ist durchgängiges Leitthema (con variationi) abendländischer Philosophiegeschichte: Parmenides empfing die Erleuchtung des Begriffs, der ihm das Sein bedeutet, von Dike, der Göttin des Rechts und der Wahrheit; Platon schreibt die Begriffe einer Wiedererinnerung an eine Vorexistenz vor der Geburt zu; für Kant nehmen die Grundanschauungsformen und die Kategorien die Gestalt einer transzendentalen Vorformung an. Wobei die Variationen zu diesem Thema reine Funktionen der jeweiligen Entwicklung der Produktivkräfte sind.

Anzumerken bleibt noch, daß die Metamorphose der gesellschaftlichen Relation der Realabstraktion in die Subjekt-Objekt-Relation der Denkabstraktion darauf zurückgeht, daß sich die Ursprungsrelation des Austauschs als einer zwischen den Tauschenden in die Relation der einzelnen Warenbesitzer zum Geld verwandelt, zu ihrem Geld, das sie ausgeben oder dem Geld anderer, von denen sie es einnehmen – basiert also auf dem "Bedürfnis", den in der Ware schlummernden Gegensatz von Gebrauchswert und Wert für den Tauschverkehr äußerlich darzustellen und zwar durch die "Verdoppelung der Ware in Ware und Geld" (Marx).

Die in der Tauschhandlung stattfindende Gleichsetzung des Warenbesitzers mit einer bestimmten Anzahl von Geldeinheiten macht die "göttliche Kraft" (Marx) des Geldes aus: das Geld wird zur wirklichen Macht über alles und jeden, womit es einen vermittelt – "es ist die wahre Scheidemünze, wie das wahre Bindungsmittel, die galvanochemische Kraft der Gesellschaft" (Marx). Das, was durch das Geld für den Warenbesitzer ist, was er für sein Geld kaufen kann, das ist er selber: die vorgestellte Anzahl von Geldeinheiten steht für die Person (persona = Maske, von personare = hindurchtönen) – ihre Kraft ist in diejenige des Geldes ver-rückt.

Im Tauschverhältnis ist das Produkt des einen immer ein Instrument, ein Mittel zur Bemächtigung des Produkts des andern und daher zur Befriedigung des Bedürfnisses des ersteren. Derart machen sie sich gegenseitig zur Funktion, zum Mittel ihres jeweils eigenen Gegenstandes, um sich wechselseitig desjenigen des andern zu bemächtigen. Ihr wechselseitiger Wert ist für sie der Wert ihrer wechselseitigen Gegenstände. So schauen sie wechselseitig ihr jeweils eigenes Produkt als die Macht über den andern und über sich selbst an, d.h. ihr eigenes Produkt hat sich auf die Hinterfüße gegen sie gestellt (auch nach Marx). Die Ver-rücktheit besteht darin, daß den Gegenständen – ausgestattet mit einer Geld-Seele – in dem Maße animistisch Leben eingehaucht wird, als den Produzenten das ihrige ausgetrieben ist.

An diesem Punkt des Umschlagens von Produktion in Destruktion (Krankheit als Identität von Produktion und Destruktion) schiebt sich der Befriedungsstratege und Heils-Bringer als "göttlicher Arzt" (Kerênyi) dazwischen. Ob als Medizinmann, Schamane, Priester oder sonstiger Sterbensfacharzt, stets waren und sind sie zur Stelle, wenn es darum geht, Widerstand als Befreiung von und Entfesselung der Krankheit gegen gesellschaftlich potenzierte Naturgewalt zu verfälschen, umzulügen und zu usurpieren – der "Andere" als Iatrokrat, der das Ziel der revolutionären Erfüllung von Krankheit abschneidet, wenn nicht gar amputiert, um dem eigenen Überzähligsein zu entgehen.

So mußten zu entlassende Irre in der Mitte des 18. Jahrhunderts folgenden Revers (= Rückseite der Münze, schriftliche Verpflichtung) unterschreiben: "Ich Endes Unterschriebener reversiere mich hierdurch … bey dem Worte der ewigen Wahrheit, so wahr mir nemlich Gott zur Seeligkeit verhelffen soll, daß ich mich nach erhaltener Befreyung vom bisherigen Arrest, an niemand rächen wolle."

Seinem Wert angeglichen (Opfersteuern früher, Sozialabgaben und das Wertpapier Krankenschein heute), ist der Kranke widerstandslos der Heilsgewalt ausgeliefert: "Die Ärzte lernen auf unsere Gefahr, sie experimentieren und töten mit souveräner Straffreiheit, tatsächlich ist der Arzt der einzige, der töten darf." Dieser von Plinius Secundus und erst neulich wieder von Blüchel und Illich bestätigte Sachverhalt mit seit arch(ē)-aischen Zeiten (der alexandrinische Anatom Herophilos vivisezierte zum Tode verurteilte Verbrecher und Sklaven) tödlichem Ausgang, zeigt nicht nur an, daß die Ärzteschaft ihr Kriegshandwerk nur mit der Komplizenschaft der Mehrzahl der Anderen (in der Welt des Mangels ist jeder der Andere, der Gegen-Mensch) ausüben kann, die dadurch dem eigenen Überzähligsein zu entgehen hofft, sondern gibt auch darüber Aufschluß, daß die Archeatrie nicht nur die unveräußerliche Substanz der Ware Arbeitskraft, den Leib kolonisiert und durchdringt, sondern ebenso das Gehirn, das Denken, die Gefühle.

Die "Geldseele, die in allen Gliedern der Produktionen und Bewegungen der bürgerlichen Gesellschaft steckt" (Marx) gibt sich somit widerstandslos als archiatrisch programmiert zu erkennen. Mit geradezu umwerfender Offenheit, sozusagen ungeniert zeigt die Ärzteschaft ihren Omnipotenzanspruch im antiken Asklepioskult als Staatskult Nr. 1 vor und ihre gesellschaftlich-synthetische Steuerungs- und Direktionsfunktion in dem auf das Geld aufgeprägten Kains-Zeichen ("… daß keiner ihn erschlüge, der ihn anträfe" = Äskulapstab, Rotes Kreuz) der Archeater.

Die gesellschaftlich-synthetische Funktion des Geldes (Sohn-Rethel) ist somit nur eine Mimikry zu derjenigen des Arztes: um sich vor Krankheit (= Überzähligkeit), die vom Arzt geschickt und produziert ist, zu schützen, geht man zu demselben und bezahlt mit barer Münze (Geschenke, Opfersteuern, Sozialabgaben). Wenn Sohn-Rethel die Entstehung des "theoretischen Subjekts" (Seele, Psyche, Subjektivität) in der ökonomischen Ablösung der Geldfunktion vom Geldmaterial lokalisiert und damit in der Gleichsetzung des Menschen mit dem Geld, so ist dies nur die eine Seite, nämlich die ökonomische Seite der Entfremdung (= Krankheit), wobei die andere Seite in der Gleichsetzung des Menschen mit medizynisch bedeuteter "Gesundheit" wurzelt, also in der iatrokratisch bestimmten Andersheit (Rassismus) besteht.

Beide Seiten sind in der sie verbindenden Mitte des herrschenden Krankheits"begriffs" aufgehoben: "Krankheit … ist ein regelwidriger Körper- oder Geisteszustand, dessen Eintritt entweder die Notwendigkeit einer Heilbehandlung – allein oder in Verbindung mit Arbeitsunfähigkeit – oder Arbeitsunfähigkeit zur Folge hat." (Preußisches Oberverwaltungsgericht vom 10. Okt. 1889, bestätigt in einem Urteil des Bundessozialgerichts vom 16. Mai 1972).

Die Ärzteschaft als die unproduktive Klasse par excellence sucht ihrer eigenen Vernichtung dadurch zu entgehen, daß sie die "unproduktiven" Überzähligen (Rassenhygiene, unwertes Leben) definiert, selektiert und verwaltet (in einem Gesetzentwurf von 1940 über die Lebensvernichtung wurde als Hauptkriterium die "Fähigkeit zu produktiver Arbeit" angegeben) und den Rest, der froh ist, nochmal davongekommen zu sein, durch die Hoffnung auf "ärztlichen Beistand" ("therapeutischer Idealismus") bei der Stange hält.

Waren doch schon seit Descartes die Archeater als das Allerweltssedativum bekannt, auf das sich aller Glaube auf eine wenn auch nur irgend mögliche Veredelung des Menschengeschlechts stützte.

Die kapitalistische Ausprägung dieses ärztlich gesteuerten Imperialismus nach innen, der sich Heloten (gr.: heilotes = Gefangene, Staatssklaven im antiken Sparta) im eigenen Land schafft und diese medizinisch definiert, trat auf deutschem Boden erstmals ein knappes Jahrhundert nach Descartes in Erscheinung: die Iatrokratie als "medicinische Polizey" (Rau, Baldinger, Frank) erklärte sich damals nicht nur für die "innere Sicherheit des Staates" zuständig (J.P. Frank), sondern noch immer für den vom damaligen Kameralismus neu- und wiederentdeckten Faktor "menschliche Arbeitskraft" – archeatrisch betriebene "Gesundheitspolitik" bzw. Programme der "Gesunderhaltung der Bevölkerung" heutiger Prägung haben hier ihren Ausgangspunkt.

Dezember 1976

Aus SPK-Dokumentation Teil 3, 1. Auflage 1977

 

Eine Neufassung dieses unseres SPK-Texts hatten wir zum Vortrag gegen den Dissidentenkongreß des Collettivo Freudiano, später: "Movimento Freudiano Internazionale MFI" (Internationale Psychoanalytische Vereinigung) 1978 in Paris gewählt.
Als Frontpatienten konnten wir uns weder mit der russischen Spielart der Dissidenz anfreunden, die ihr Heil beim Arzt sucht, noch mit dem Unbewußten westlicher Prägung, das sein Heil in der Dissidenz findet.