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VI Krankheit und Kapital

 

23. Identität von Krankheit und Kapital

"Sie (die Manufaktur) verkrüppelt den Arbeiter in eine Abnormität, indem sie sein Detailgeschick treibhausmäßig fördert durch Unterdrückung einer Welt von Trieben und Anlagen, wie man in den La-Plata-Staaten ein ganzes Tier abschlachtet, um sein Fell oder seinen Talg zu erbeuten." – "Der Mensch wird als bloßes Fragment seines eigenen Körpers verwirklicht." – "Eine gewisse geistige und körperliche Verkrüppelung ist unzertrennlich selbst von der Teilung der Arbeit im Ganzen und Großen der Gesellschaft. Da aber die Manufakturperiode die Zerspaltung der Arbeitszweige viel weiterführt, andererseits erst mit der ihr eigentümlichen Teilung das Individuum an seiner Lebenswurzel ergreift, liefert sie auch zuerst das Material und den Anstoß zur industriellen Pathologie."*

*K. Marx – Kapital I, S. 381/2 und S. 384 – MEW, 1971; Hervorhebungen durch die Verfasser.

Krankheit ist die wesentliche Bedingung, ist Voraussetzung und Resultat dieses kapitalistischen Produktionsprozesses. Der kapitalistische Produktionsprozeß ist gleichermaßen ein Destruktionsprozeß von Leben. Es wird ständig Leben zerstört und Kapital produziert. Der Kapitalismus wird beherrscht durch das Primärbedürfnis des Kapitals, die Akkumulation (Marx).

Krankheit ist Ausdruck der lebensvernichtenden Gewalt des Kapitals. Krankheit wird kollektiv produziert: d.h. indem der Arbeitende im Arbeitsprozeß das Kapital, das ihm als fremde Macht gegenübertritt, schafft, produziert er kollektiv seine Vereinzelung. Es ist deshalb nur konsequent, daß das kapitalistische Gesundheitswesen diese Vereinzelung perpetuiert, indem es die Symptome nicht als kollektiv produziert, sondern als individuelles Schicksal, als Schuld und Versagen behandelt. Allerdings produziert der Kapitalismus in Gestalt der Krankheit die gefährlichste Waffe gegen sich selbst. Deshalb muß er auch mit seinen schärfsten Waffen gegen das progressive Moment der Krankheit ankämpfen: mit Gesundheitswesen, Justiz, Polizei. Objektiv ist Krankheit als defekte (= nicht verwertbare) Arbeitskraft Totengräber des Kapitalismus. Krankheit = innere Schranke des Kapitalismus: Wenn alle akut krank (= arbeitsunfähig) sind, kann keiner mehr Mehrwert produzieren.

Als kollektiv bewußter Prozeß ist Krankheit die revolutionäre Produktivkraft, in ihren Wirkungsgraden abgestuft nach: gehemmtem Protest, bewußtem Protest, kollektivem Bewußtsein, solidarischem Kampf.

Die Funktion des Gesundheitswesens ist die Aufrechterhaltung und Erhöhung der Ausbeutbarkeit der Ware Arbeitskraft einerseits*; andererseits hat es dafür zu sorgen, daß die pharmazeutischen und medico-technischen Industrien ihre Mehrwerte realisieren (das Gesundheitswesen ist die Zirkulationssphäre der pharmakologischen und medico-technischen Industrie). Der Kranke ist deshalb das Objekt einer doppelten Ausbeutung: Defekte Arbeitskraft wird zwecks fortgesetzter Ausbeutung repariert; als Konsument sorgt er für den reibungslosen Absatz der medico-technischen und pharmazeutischen Industrie.

* "Die Funktionäre des amerikanischen Gesundheitswesens erkennen im übrigen sehr genau den Einfluß der Arbeitsmarktsituation auf das erforderliche therapeutische Niveau, von welchem wiederum die Arbeit und Entwicklung des Krankenhauswesens bestimmt wird. Wenn die Arbeitslosigkeit groß ist, können sich chronische Krankheiten ohne Gefahr für die Wirtschaft ausbreiten; das ist die Situation in Amerika seit dem zweiten Weltkrieg; und das war die Situation in der Weltwährungskrise von 1929." (J. C. Polack, "La Médecine du Capital", Paris 1971, S. 35)

Das progressive Moment der Krankheit, der Protest, wird abgetötet; das reaktionäre Moment, die Hemmung, wird im Heilungsprozeß (= Reparatur von Arbeitskraft) verstärkt reproduziert. Dem Kranken wird sein Bedürfnis nach Veränderung genommen.

Leben ist Veränderung, d.h. Kampf gegen die Naturgewalten zur produktiven Aneignung der Natur. Die kapitalistische Gesellschaft tritt dem Leben als Naturgewalt gegenüber. Protest, d.h. Lebensäußerung, wird ständig abgetötet; das ist permanenter, organisierter Mord. Solange dieser permanente, organisierte Mord direkt durch die Institutionen Familie, Schule etc. durchgeführt wird, heißt er Erziehung. Erziehung ist nicht an der Befriedigung der sich äußernden Bedürfnisse der Menschen orientiert, sondern an deren Abtötung und der Befriedigung der Bedürfnisse der Naturgewalt, der kapitalistischen Akkumulation; kapitalistische Akkumulation und Massenmord sind also identisch!

24. Das Proletariat unter der Bestimmung Krankheit als revolutionäres Proletariat

Nicht jeder Kranke (das sind nämlich alle) gehört zur revolutionären Klasse. Aber jeder, der die progressiven Momente der Krankheit in Anspruch nimmt, handelt revolutionär.

Wie die Klassenfronten verlaufen werden, wird sich im revolutionären Kampf zeigen; bekanntlich gibt es und gab es in allen Revolutionen auch reaktionäre und faschistische Verbände, die sich aus Arbeitern rekrutieren.

Entscheidend für die Zugehörigkeit zum revolutionären Subjekt ist nicht einfach eine mechanische Bestimmung der Klassenlage, sondern Klassenbewußtsein und Klassenstandpunkt, die im Kampf entstehen.

In diesem Wirtschaftssystem hat das Proletariat, d.h. das vom reaktionären Moment der Krankheit bestimmte, das gehemmte Proletariat gute Chancen, im Kielwasser der freiheitlich-demokratischen Illegalität bis zum Ertrinken mitzuschwimmen. Nur als krankes Proletariat – und krank zu sein ist seine Wesensbestimmung, sonst hätte es den Grundwiderspruch auch ohne die miesen Reden seiner bürgerlichen Gönner auf Studentenseite längst aufgehoben – wird es zu einer revolutionären Kraft, die außerhalb der freiheitlich-demokratischen Illegalität steht; es hat nämlich keine Rechte, besitzt nichts, womit es fremde Arbeitskraft ausbeuten könnte, besitzt nichts – und seien es Haus, Auto, Kühlschrank – was nicht in der Verfügungsgewalt des Kapitals steht. Muskeln, Nerven und Körper gehörten dem Proletariat ohnedies noch nie, denn ihre Funktionen sind schon vor der Geburt kapitalistisch vorprogrammiert, d.h. im Sinne der bestmöglichen Ausbeutung. Zur materiellen Gewalt gegen die Ausgebeuteten ist dieses Programm dann durch die Untertanenfabriken Familie, Heim, Schule, Kaserne, Arbeitsplatz, Büro, Heilanstalt, Gefängnis usw. geworden. Die von Marx im Kommunistischen Manifest gegebene Bestimmung des Proletariats, nichts zu verlieren zu haben, außer seinen Ketten, insbesondere aber Negation des Kapitals zu sein, das es seinerseits zu einem Nichts gemacht hat, hat nach wie vor Gültigkeit: nämlich als Proletariat unter der Bestimmung Krankheit.

Nur als Proletariat unter der Bestimmung Krankheit, als durch das Kapital vorprogrammiertes, von Anfang an der Krankheit ausgeliefertes Ausbeutungspotential, das systematisch, soweit sich überhaupt etwas entwickeln konnte, zerstückelt und verstümmelt wird, damit die Profitrate stimmt, wo ihm weder, auch beim besten Willen nicht, Arbeitskollege, Gewerkschaft, Sozialgericht, Gesundheitswesen noch sonstwer helfen kann, einfach weil der Kranke aus dem Rahmen des "Rechts" völlig herausfällt – nur unter dieser Bestimmung ist die proletarische Klasse systemsprengend. Sie ist von nichts und niemand anderem als systemsprengend gesetzt als vom Kapital und der herrschenden Klasse selbst. Nicht aus einer Laune heraus, sondern weil Kapital und Krankheit eine dialektische Identität darstellen.

Ein wesentlicher Faktor dieser objektiven Setzung des kranken Proletariats als revolutionäres Proletariat ist z.B. die Tatsache, daß ca. 35% und mehr des Nettolohns als sogenannte Sozialabgaben über staatlich kontrollierte Institutionen an das Kapital gehen, d.h. als Investitionsmittel und Krisenpufferkapazität in die Wirtschaft. Wenn ein Arbeiter 800 DM Lohn ausbezahlt bekommt, gehen automatisch gleichzeitig 280 DM für "Sozial"abgaben (Krankheit, Invalidität, Altersschwäche) in die Wirtschaft für die Kapitalakkumulation. Zusätzlich zum Mehrwert wird die Arbeiterklasse also gezwungen, Investitionsmittel für die Industrie zu produzieren unter dem Vorwand, die Mittel für die Reparatur ihrer eigenen, im Ausbeutungsprozeß kaputtgemachten Arbeitskraft mit ihrem Lohn, der der Reproduktion der Arbeitskraft dienen soll, zu bezahlen.

Das Gesundheitswesen als Reparatur- und Kontrollinstitution defekter Arbeitskraft (dies ist die objektive Funktion seines therapeutischen und diagnostischen Instrumentariums) setzt automatisch Grundrechte außer Kraft. Es verweist den Patienten in eine totale Objektrolle. Gleichzeitig konstituiert es damit das fundamentale Notwehrrecht der Selbstverteidigung! Es werden im einzelnen folgende Grundrechte außer Kraft gesetzt: Freizügigkeit, Unverletzlichkeit der Person, Freiheit der Meinungsäußerung, Postgeheimnis (Anstaltsordnung), Anspruch auf rechtliches Gehör etc. etc. Es finden laufend folgende Verbrechen statt: Freiheitsberaubung (Einweisungsbefugnis der Funktionäre des Gesundheitswesens), Körperverletzung, Entführung, Erpressung, Nötigung, Zwangsarbeit für Patienten in Heilanstalten und Rehabilitationszentren.

Damit ist für alle Kranken die Notwendigkeit der Selbstverteidigung gesetzt.

Das mit dem Leidensdruck gekoppelte Bedürfnis nach Veränderung muß seinem Wesen nach gegen das krankheitserzeugende Objekt, die kapitalistische Gesellschaftsordnung, die zweite Natur, gerichtet werden. Das menschliche Grundbedürfnis ist die Produktion, d.h. die Schaffung von Möglichkeiten zur optimalen und lustvollen Aneignung der Natur; das ist Kampf gegen Naturgewalten. Was hier und heute stattfindet, ist die Produktion von Mehrwert, die Akkumulation von Kapital und die Destruktion von Leben. Der Gebrauchswert der Waren ebenso wie das Leben selbst sind zu Abfallprodukten der kapitalistischen Produktionsverhältnisse degeneriert und werden nach den Gesetzen des Kapitals genauso behandelt: "Ex – und hopp" oder "Nach Gebrauch wegwerfen".

Die Produktivkraft des Bewußtseins als Voraussetzung für die Inbesitznahme der materiellen Produktionsmittel kann die lebensfeindliche Naturgewalt des Kapitals bezwingen:

"- Trinkt keinen Alkohol, nehmt keine Tabletten, die Euch einschläfern oder beruhigen. Nehmt keine Aufputschmittel: Nehmt die Macht, das ist gesünder.

- Wenn Ihr Euch unwohl fühlt, wenn Ihr Euch vorm Fernsehschirm langweilt, dann liegt das daran, daß Fernsehen Euch vergiftet.

- Achtung Fernsehen: Gift.

- Alkohol tötet bei 100 Stundenkilometern.

- Die kapitalistische Gesellschaft tötet sogar zu Fuß.

- Arbeitsmedizin: Medizin der Ausbeutung oder Ausbeutung der Medizin.

- Arbeitsmedizin: Schutz der Arbeiter oder Werkschutz?

- Arbeitsschutz, um 11 Monate zu schuften, damit Ihr 4 Wochen lang während des bezahlten Urlaubs leben könnt. Man muß 12 Monate leben.

- Nach einem zermürbenden und lustlosen Arbeitstag habt Ihr keine Lust zu vögeln. Die Medizin kann daran nichts ändern mit ihren Medikamenten und schönen Sprüchen. Der Arbeitstag muß verändert werden, lebenswert gemacht werden. Der Arzt, das seid Ihr. Übernehmt die Macht im Betrieb und in der Gesellschaft, werdet Herren Eures Lebens.

Ihr seid müde, weil die Arbeit, die Ihr verrichtet, Euch ankotzt, Euch kaputt macht – verweigert Aufputschmittel.

Arbeiter!

Wenn Ihr die Hetze des Vorarbeiters, des Bosses, der Maschinen satt habt, dann gibt es zwei Lösungen:

1. Ihr verlangt unverzügliche Beendigung der Arbeit. Die Sozialversicherung ist dafür zuständig. Und seid Euch darüber im Klaren, die Rechnung dafür bezahlt im Endeffekt Ihr.

2. Oder Ihr "nehmt" die Macht im Betrieb, Ihr macht die Revolution, das ist besser." *

*Aus einem Flugblatt, das vom "Comité d’action Santé" im Februar 1969 bei Renault in Flins verteilt wurde.

25. Über die "gesunden" Sozialisten und den reaktionären Dogmatismus bei manchen "Linken"

In den Auseinandersetzungen des SPK mit Linken in öffentlichen Diskussionen kamen oft Tendenzen zum Dogmatismus bezüglich der Marxschen Analyse des Kapitalismus zum Ausdruck, in der Unfähigkeit etwa, einen Lehrer als Produzenten von Mehrwert zu begreifen. Der Lehrer ist im Produktionsprozeß der Ware Arbeitskraft als Produzent tätig. Indem in der Ausbildung die Ware Arbeitskraft (Schüler, Lehrling und Student) entsprechend den Erfordernissen des hochspezialisierten spätkapitalistischen Produktionsprozesses qualifiziert, d.h. potenziert wird, wird eben in der Spezialisierung und Qualifizierung der Ware Arbeitskraft mehr Wert zugefügt, der dann vom Kapital angeeignet und zu Mehrwert gemacht wird. Hauptnutznießer des Produktivitätszuwachses, der mit der zunehmenden Spezialisierung einhergeht, ist die kapitalistische Akkumulation. Die einseitige und dogmatische Verwendung des Begriffs des produktiven Gesamtarbeiters als des Produzenten des gesellschaftlichen Reichtums auf das klassische Industrieproletariat ist in ihrer Wirkung reaktionär.

Die Wurzeln dieser Einseitigkeit sind wohl darin zu suchen, daß ein Großteil der studentischen Linken nicht von seinen Bedürfnissen, dem Bewußtsein seiner objektiven Klassenlage, zum Marxismus gekommen ist, sondern umgekehrt von der (durchaus berechtigten) Unzufriedenheit mit der Organisation und den Inhalten des Studiums und von da aus zu der Einsicht in die objektive Klassenlage des Proletariats, das prompt zum Agitationsobjekt gemacht und idealisiert, ja fetischisiert wurde. Vielmehr gilt es, das verkrüppelte und verkümmerte Bewußtsein zum Objekt kollektiver Agitationsarbeit zu machen, und die wesentliche Vermittlungsstufe dieser Notwendigkeit ist das Begreifen der eigenen Krankheit. Weil dieses Begreifen der eigenen Krankheit durch dogmatische "Denk"arbeit verhüllt wird, ist es auch so schwierig für linke Studenten, eine konsequente politische Praxis zu erarbeiten. Nur so ist es verständlich, wie ein linker Student bei einer Diskussion erklären konnte: "Ich gehöre nicht zur ausgebeuteten Klasse, ich beziehe ein Stipendium." Klassenbewußtsein kann eben nur im bewußt geführten Klassenkampf entstehen. Natürlich kann man immer unendlich viele mehr oder minder spitzfindige Hintertürchen finden, durch die man sich der Zugehörigkeit zur revolutionären Klasse entziehen kann. Jedenfalls ist die Qualität Krankheit das verbindende Element aller vom Unterdrückungsapparat Betroffenen.

Charakteristisch für das Verhalten und die Argumentation einer Vielzahl von Leuten (insbesondere Studenten), die sich "Sozialisten" nennen, ist ihre Einstellung zur Krankheit. Sie sehen Krankheit isoliert, negativ, ausschließlich als Hemmung. Krankheit ist für sie Teil der "Privatsphäre", ein Problem, mit dem jeder selbst fertig werden muß und das auf keinen Fall die politische Arbeit "stören" darf. Sich als "gesunden" Sozialisten in dieser Gesellschaft zu bezeichnen, impliziert bereits tendenziell ein systemimmanentes Elitebewußtsein.

Konsequenzen des "gesunden" Elitebewußtseins sind:

1. Künstliche Aufspaltung des eigenen Lebens in Privatsphäre und politische Arbeit. Dadurch wird die durch die gesellschaftlichen Verhältnisse induzierte Trennung von Beruf und Privatleben reproduziert und die politische Arbeit bleibt entfremdete Arbeit.

2. Trennung von Avantgarde und Masse. Man betrachte die falsche Anwendung der Begriffe "Avantgarde" und "Masse" vor dem Hintergrund dessen, was Wilhelm Reich in der "Massenpsychologie des Faschismus" und in der "Rede an den kleinen Mann" über die Schwierigkeiten der Aktivierung der Masse anhand der Fragestellung über den Massenstreik in weitesten Sinne entwickelt hat. Reich hat seinen Untersuchungen zugrunde gelegt, daß man bei einem Streik oder bei einem Diebstahl nicht fragen müsse, warum diese Arbeiter streiken oder warum dieses Individuum gestohlen hat, sondern vielmehr, warum gegen die Herrschaft der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse nicht alle Arbeiter ständig streiken, und warum nicht alle Konsumenten ihre materiellen Bedürfnisse durch "Diebstahl" befriedigen.

Eine wirkliche Avantgardefunktion kann lediglich die Praxis in Sinne des Multi-Fokalen Expansionismus erfüllen. Im Rahmen des Multi-Fokalen Expansionismus fungieren die Foci als Masse und Avantgarde zugleich, indem sie als Brennpunkte (Masse) die gesellschaftlichen Widersprüche in sich vereinigen und als Herde (Avantgarde) durch die Inanspruchnahme und Weitergabe der progressiven Momente dieser Widersprüche aktivierend und mobilisierend auf ihre Umgebung wirken; im expansiven Moment des Prinzips des Multi-Fokalen Expansionismus wird der Widerspruch zwischen Avantgarde und Masse aufgehoben im Prozeß der Verallgemeinerung revolutionären Bewußtseins und revolutionären Handelns.

Im Gegensatz dazu geht eine selbsternannte Avantgarde – scharf formuliert – hin und fordert die Arbeiter auf, ein "revolutionäres" Bewußtsein zu entwickeln. Sie erklärt den Arbeitern mit Hilfe von Marx-Texten, daß sie ökonomisch ausgebeutet werden. Rational werden die meisten Arbeiter das auch begreifen, weil es für sie wahrhaftig nichts Neues ist, es fehlen die Erfahrungen erfolgreichen solidarischen Kampfes, und die können nicht gepredigt werden. Folglich bleiben die praktischen Konsequenzen aus. Die aktuellen Bedürfnisse der Arbeiter werden nur punktuell und isoliert mit einbezogen – etwa im "Kampf" gegen die "Mißstände" Umweltverpestung und Wohnungsnot. Krankheit wird nur als Arbeits"unfall" und "Berufs"krankheit mit einbegriffen, aber nicht bewußt gemacht und mobilisiert im Zusammenhang der Ausbeutung und individuellen Not, aus der sie entsteht und die sie ausmacht.

Die Masse, das Proletariat, wird als Objekt begriffen und mehr oder weniger schulmeisterhaft agitiert. Die Bedürfnisse der ausgebeuteten und unterdrückten Bevölkerung werden eingeteilt in für die Agitation verwertbare, und solche, die jeder einzelne selbst bewältigen muß: Reproduktion des kapitalistischen Verwertungs- und Müllabfuhrbetriebes.

3. Charakteristisch ist die Einstellung der "gesunden Sozialisten" zum sogenannten Gesundheitswesen: In diesem "tertiären Sektor" wird die Machtfrage zu allerletzt gestellt. Das Gesundheitswesen wird als "dringend reformbedürftig" betrachtet und behandelt. Aber weil es am richtigen Krankheitsbegriff fehlt, wird punktuell gegen Chefarztpfründe, Kriegsforschung, Profite der Arzneimittelindustrie, numerus clausus beim Medizinstudium, usw. usw. polemisiert und agitiert. Die sogenannte Grundlagenforschung wird in Gegensatz zur Kriegsforschung gesetzt und nicht weiter hinterfragt, für notwendig und "gut" erklärt.

Träger der notwendigen Veränderungen und Reformen im Gesundheitswesen sollen das Krankenhauspersonal und die Medizinstudenten sein. Als Deckmäntelchen und Alibi für die Standesinteressen der Ärzte und Medizinstudenten wird die Krankenversorgung und das "Wohl der Patienten" mißbraucht. Mißbraucht, weil hier selbstverständlich die Betroffenen, d.h. die Patienten, nicht mitreden dürfen – die sind ja krank, und Ärzte, Pfleger, Krankenschwestern, Medizinstudenten sind per definitionem "gesund". Und die kranken Patienten müssen von denen erst "gesund" gemacht werden – dann sind es "gesunde" Arbeiter, und deren so produzierte "Gesundheit" soll dann der Motor der Revolution sein! Gesundheit ist nicht zu verstehen als Gegensatz von Krankheit. Gesundheit ist ein durch und durch bürgerlicher Begriff. Dieser Gesundheit entspricht auf der subjektiven Seite ein entstelltes Bewußtsein, sie ist identisch mit Krankheit im Sinne der "geistigen (und körperlichen) Verkrüppelung", die Marx als "unzertrennlich selbst von der Teilung der Arbeit im Ganzen und Großen der Gesellschaft" erkannt und bezeichnet hat. *

*K. Marx – Kapital I, S. 384 – MEW, 1971

Das Kapital in seiner Gesamtheit legt die Norm der Ware Arbeitskraft fest und definiert damit, was "gesund" und "krank" ist; wer dieser Norm nicht entspricht, ist (krank) arbeitsunfähig, somit nicht kontraktfähig und fällt aus dem Produktionsprozeß heraus. "Es ist … nichts lächerlicher als von Arbeitsmedizin zu sprechen; unsere Gesellschaft kennt keine andere. Alle Medizin ist Regulation der Arbeitskapazität. Die Arbeitsnorm prägt das Urteil der Ärzte mit einem Maßstab, der präziser ist als ein meßbarer biologischer oder physiologischer Wert." *

*J. C. Polack – "La Médicine du Capital", Paris 1971, S. 35/36

4. Genauso sieht es dann mit der Wissenschaft aus: Wissenschaft soll als Produktivkraft "den Werktätigen dienen". Von Sozialisierung des Produktionsmittels Wissenschaft für und durch die Bevölkerung ist keine Rede! Die Hochschulabsolventen sollen im Berufsleben Wissenschaft unter Berücksichtigung ihrer gesellschaftspolitischen "Verantwortung" treiben; sie sollen "neutralisiert" werden. Ein Unding! Und zugleich Ausdruck des Bewußtseins seiner Fürsprecher, die sich eben die Sozialisierung aller Produktionsmittel incl. Wissenschaft nicht vorstellen können und wollen: "Nous participons, vous participez – ils profitent!" "Wir bestimmen mit, Ihr bestimmt mit – sie profitieren!" (Wandparole im Pariser Mai 1968)

Das Prinzip Volksuniversität ist eben nicht nur eine quantitative Öffnung der Universität für die "Teilnahme" der Bevölkerung an den Lehr- und Forschungsveranstaltungen, auch nicht eine "Mitbestimmung" der Inhalte von Forschung und Lehre durch die Bevölkerung, sondern eine qualitative Bestimmung und Kontrolle dessen, was Wissenschaft ist, und wie sie betrieben wird, durch die Bedürfnisse der Bevölkerung.

Ein oft gehörter Einwand von Seiten der dogmatischen Linken, Krankheit sei ein vorübergehender Zustand, der Patientenstatus somit ein transitorischer, deshalb könnten die Kranken nicht revolutionäres Subjekt sein, ist durch alles im Vorangegangenen Gesagte als gar nicht zur Sache gehörig entlarvt worden. Trotzdem läßt er sich auch direkt ad absurdum führen: Das Leben eines Einzelnen ist ein transitorischer Zustand der anorganischen Materie, deshalb könne es kein Einzelner mit anderen derzeit lebenden Einzelnen zusammen unternehmen, den Klassenkampf zu führen, Revolution zu machen. Diese Absurdität wird natürlich nicht ausgesprochen, aber praktiziert: Man promoviert langfristig über Lukács, hält semesterlange Seminare über die Marxsche Arbeitswerttheorie ab usw. – vielleicht um der "Nachwelt" das revolutionäre Rüstzeug zu vermitteln, mit dem man selber nichts anzufangen wußte?

26. Das Kapital und seine Sachwalter als Naturgewalt

Produzierte Hemmung von Leben wird im Produktionsprozeß des Kapitals verwertet und verstärkt (= Produktion von Krankheit im Produktionsprozeß des Kapitals). Zur Bekämpfung der Äußerung von Krankheit in Form von Protest bedient sich das Kapital vermittels seiner Einrichtung Staat verschiedener Instanzen und Institutionen: Gesundheitswesen, Ärzte, Krankenhäuser, Heilanstalten, Justiz, Gefängnisse, Polizei, Armee. In der Produktion von Mehrwert wird das Leben des Arbeiters von der potenzierten Naturgewalt des Kapitals verzehrt (Verwandlung von Leben in tote Materie – Waren). Richter, Ärzte, Polizisten, Militärs sind diejenigen Organe, die den reibungslosen Verlauf dieses lebenszerstörenden Produktionsprozesses zu garantieren haben. Der Kampf gegen den Kapitalismus – und nur dieser Kampf ist identisch mit Leben in der Gesellschaft, mit der wir es im gegebenen historischen Moment zu tun haben – muß sich gegen die Funktionen des Kapitals richten – und damit gegen seine Funktionsträger, deren Krankheit zur Aufrechterhaltung der Gewalt verwertet wird: das mangelnde Leben als Macht (Hegel).

Kranke und damit Rechtlose handeln, zudem wenn sie hingemordet werden, prinzipiell in Notwehr. Ihr Kampf richtet sich nicht gegen Menschen; sie kämpfen nicht gegen Polizisten, Rektoren, Direktoren, Minister und sonstige Exponenten, sondern einfach gegen Naturgewalten, die sich ihnen in Gestalt dieser im Dienste des Kapitals stehenden Exponenten entgegenstellen.

Auch dem Vietkong geht es ja nicht um die Vernichtung amerikanischer Menschen, sondern er sucht sich die passenden Stellen in einer gegen ihn gerichteten übermächtigen Vernichtungsmaschinerieaus, um punktuell die im jeweiligen Moment größtmögliche Stoppwirkung   des KolossesKapitalismus zu erreichen.

27. Arzt, Rechtsanwalt, Universitätsprofessor – Gesundheitswesen, Justiz, Wissenschaft

Arzt, Rechtsanwalt, Professor sind Agenten der Herrschaftsinstitutionen des Kapitals. Nach der Selbstdarstellung des Systems fungieren sie als Bindeglieder zwischen diesen Herrschaftsinstitutionen und den Patienten, Klienten, Studenten, d.h. der Bevölkerung. Der Arzt lebt von den Sozialabgaben und Honoraren der Patienten, der Rechtsanwalt von den Honoraren seiner Klienten und der Universitätsprofessor von den Steuergeldern der Bevölkerung. Nach ihrem eigenen Selbstverständnis und ihrer Standesethik, ihrem Standesrecht, sind sie für die Bevölkerung da. Durch ihre institutionelle Verankerung im Gesundheitswesen, in der Justiz und in der Universität, sind sie gezwungen, als Funktionäre und Agenten dieser Herrschaftsinstitutionen die Interessen des Kapitals gegenüber der Bevölkerung durchzusetzen. Diese ihre Funktion manifestiert sich am deutlichsten und umfassendsten in der Kompetenzabgrenzung und der Distanz.

Abschrift eines Originalbriefs an einen Patienten, der jetzt im Psychiatrischen Landeskrankenhaus ist:

"Sehr geehrter Herr .............. !

Daß Sie Dr. Honeck Agent des Kapitalismus genannt haben, hat Ihnen hier niemand krumm genommen, weil wir ja an derartiges gewohnt sind.

Wir wissen, welche große Rolle Begriffe wie "Agent, Kapitalismus, Sozialismus, Mao-Tse-Tung" in Ihrem Zustand geistiger Verwirrung damals für Sie gespielt haben. Sie brachten alles und jeden mit der großen Politik in Zusammenhang, für nebensächliche Dinge zeigten Sie wenig Interesse.

Sie müssen sich immer mehr darin üben, einfache menschliche Zusammenhänge festzuhalten und alles Wahnhafte und Phantastische über Bord zu werfen.

Ihr unberechtigtes Mißtrauen gegen unsere ärztlichen Bemühungen verzögert Ihre Heilung.
Bei den Medikamenten, die Sie als Narkosemittel abqualifizieren, handelt es sich vielmehr um Psychopharmaka, und die Psychiatrie wurde dadurch revolutioniert in dem Sinne, daß heute Krankheiten wie die Ihre, die früher als unheilbar gegolten hätten, wieder Aussicht auf Gesundung haben.

Ihr

Dr. med. Ingo Sonntag."

(Dr. Sonntag ist Psychiater an der Psychiatrischen Universitätklinik in Freiburg – Dekan dieser Klinik ist Professor Degkwitz)

Dem Arzt geht es nicht um den Patienten, sondern um dessen Arbeitsunfähigkeit. Dem Rechtsanwalt geht es nicht um den Klienten, sondern um den Rechtsfall. Und dem Wissenschaftler geht es nicht um die Bedürfnisse der Bevölkerung, sondern er vertritt, was er auch immer unter Wissenschaft verstehen mag, die Interessen des Kapitals. In allen drei Fällen besteht eine Distanz zwischen den Bedürfnissen der Patienten, Klienten, der Bevölkerung, und dem, was die Funktionsträger (Arzt, Rechtsanwalt, Wissenschaftler) als ihren Arbeitsgegenstand betrachten und behandeln. Arzt, Rechtsanwalt, Wissenschaftler sind selbst Teile des Kräftesystems, Exponenten der gesellschaftlichen Verhältnisse, die ihr "Arbeitsmaterial" ständig neu produzieren. Durch soziale Herkunft, Ausbildung und ökonomische Potenz besteht zwischen ihnen und der kranken, kriminalisierten und intellektuell systematisch unterentwickelt gehaltenen, lohnabhängig arbeitenden Bevölkerung eine Barriere.

28. Die Funktion des Arztes als Sachwalter des Kapitals und deren Aufhebung

Jedes Bedürfnis, jedes Symptom hat ein progressives und ein reaktionäres Moment. Es gilt, das progressive Moment zu aktivieren, in Anspruch zu nehmen und gleichzeitig das reaktionäre als solches bewußt werden zu lassen.

Das Bedürfnis nach "Freizeit", "Privatleben" ist zu begreifen als institutionalisierte und kanalisierte Reaktion auf die krankmachenden Bedingungen z.B. des Arbeitsplatzes, die "Befriedigung" dieses Bedürfnisses als Korrumpierung des Befreiungsbedürfnisses durch die Angebote von "Freiheit" der Freizeit- und Hobby-Industrie auf Fußballplätzen, vor den Fernsehschirmen, in den Bastelecken, Kleintierställen und auf Mallorca. Das verkümmerte und von der Bewußtseinsindustrie im Auftrag des Kapitals systematisch verkrüppelte Bedürfnis nach Befreiung, nach der kollektiven Produktion von Freiheit, wird profitträchtig umfunktioniert in ein Konsumbedürfnis nach Freiheit als Ware. Diese zur Ware degradierte Freiheit, die relative Zufriedenheit der Konsumbürger, der Heilungsbetrug der Medizin – Ruhe und Ordnung – wird vom Kapital in fortgesetzter und intensivierter Ausbeutung am Arbeitsplatz verwertet.

Objektiv ist die materielle Basis der Existenz und Funktion des Arztes die Krankheit der Patienten. Wird Krankheit als Voraussetzung und Resultat des kapitalistischen Produktionsprozesses erkannt, so kann die progressive Tätigkeit des Arztes nur in der Hinarbeitung auf die Abschaffung seiner kapitalorientierten und objektiv kranken- und patientenfeindlichen Funktion bestehen, d.h. auf die Veränderung eben dieser Gesellschaft und nicht etwa – wie sie in verkrüppelter Form mißverstanden und praktiziert wird – in der Herstellung der "Gesundheit" des Patienten und damit in der vorübergehenden Beseitigung des Bedürfnisses nach "Behandlung" bei jedem einzelnen Patienten. Die progressive Wendung der Arztfunktion kann nur in der solidarischen Zusammenarbeit mit den Patienten praktisch werden. Wesentliches Moment dieser Praxis ist die Sozialisierung ärztlicher Funktionen. Das bedeutet konkret die Sozialisierung der speziellen Kenntnisse und Erfahrungen des Arztes und nicht deren Weitergabe nach den autoritär strukturierten Erziehungs- und Ausbildungsmustern. Die Erkenntnis der gemeinsamen Objektrolle von Patient und Arzt stellt die Grundlage dar, auf der sich dieser Sozialisierungsprozeß, orientiert an der gemeinsamen Sache, vollzieht. Dieser kollektive Lernprozeß ist für Arzt und Patient wechselseitig und kann nur auf der Basis der Kooperation, der Einbeziehung des Arztes in das Patientenkollektiv stattfinden.

Entweder stellt der Arzt seine Funktionen in den Dienst der Bedürfnisse der Patienten (Aufhebung des Privateigentums an der ärztlichen Kunst als Produktionsmittel) oder er unterwirft sich – zu seinem "persönlichen" materiellen und statusmäßigen Vorteil – dem Diktat der Naturgesetze der kapitalistischen Produktion und arbeitet damit objektiv gegen die Lebensinteressen der Patienten. Ein "Sowohl-als-auch" geht im herrschenden System stets auf Kosten der Kranken.

29. Der Heidelberger Universitätsrektor als Sachwalter des Kapitals

Der Rektor der Universität Heidelberg, Prof. Rendtorff, hatte in seiner Eigenschaft als Träger spezifischer Funktionen für die kapitalorientierte Universität (ebenso wie der Arzt an der Universitätspoliklinik) von Anfang an Gelegenheit, die Funktion seines Amtes im hierarchisch konstruierten Räderwerk des herrschenden Systems zu erkennen. Vor der fristlosen Entlassung Dr. Hubers durch die Universität hatten die Patienten versucht, mit dem Rektor als Entscheidungsinstanz über die Situation der Patienten im Zusammenhang mit den anstehenden Problemen zu sprechen, was dieser rundweg mit der Begründung, die Patienten ginge das nichts an (!!), ablehnte. Stattdessen stimmte er der fristlosen Entlassung und dem Hausverbot Dr. Hubers zu, ohne die Patienten auch nur gehört zu haben. Beim Hungerstreik der Patienten, die nach der Entlassung ihres Arztes ohne adäquate Behandlungsmöglichkeit waren, fand sich der Rektor nur zu völlig unzureichenden Minimalzugeständnissen bereit, die in der Folgezeit zudem nicht eingehalten wurden. Die gesellschaftliche Notsituation psychisch Kranker hat er nur in Form der aktuellen, von ihm selbst mitverschuldeten Notsituation der etwa 100 Poliklinikpatienten und auch dies nochmals eingeschränkt auf die Person Dr. Hubers zur Kenntnis genommen. Damit hat er, im Strom der herrschenden Vernichtungsideologie mitschwimmend, wesentlich zur anfänglichen Personalisierung des gesellschaftlichen Problems Krankheit als "Fall Huber" beigetragen. Hier zeigt sich die gängige Methode, den kollektiven Kampf gegen das gesellschaftliche Elend auf einen Rädelsführer zu reduzieren.

Den Versuch der Drahtzieher der Medizinischen Fakultät, die Bedürfnisse der Patienten und den Bankrott nicht nur der universitären Krankenversorgung durch vordergründig-formalistische Personaldebatten vor der Öffentlichkeit zum Schaden der Patienten zu verschleiern, hat der Rektor tatkräftig unterstützt.* In Anbetracht der von den Patienten vorgetragenen Argumente kann dem Universitätsprofessor bestenfalls selbstverschuldete Unmündigkeit bescheinigt werden.

*Währenddessen haben die Hubers das verkauft, was sie von den Produkten ihrer Arbeit verkaufen konnten und sie nahmen auch Kredite auf, um Mittellosen im SPK zu helfen, die sonst nichts zu essen gehabt hätten. Später, im Gefängnis, folgten daraus weitere Schwierigkeiten, Strafandrohungen und Strafmaßnahmen insbesondere gegen Frau Dr. Huber. Im Iatrokapitalismus verwandeln sich sogar das Gute und die Tugend ohne weiteres in ihr Gegenteil, die Perversion ist also keine Frage der Moral, sondern gehört von vornherein zum System, nämlich zum iatrokapitalistischen System.

30. Die Institutionen des Kapitals

Merkmal der kapitalistischen Wirtschaftsordnung (= Anarchie) ist die Funktionalisierung des Lebens für die Bedürfnisse des Kapitals: Der Mensch ist für die Wirtschaft da, nicht etwa umgekehrt. Dieser Funktionalisierungs- und Destruktionsprozeß menschlichen Lebens wird gesteuert durch den Staat.

Die Verfassung (das Grundgesetz) ist die Verordnung der kapitalorientierten "Rechte" und Pflichten an die Staatsbürger (Bevölkerung). Der Verfassungsschutz hat die Aufgabe, die Verfassungswirklichkeit vor der Bevölkerung zu schützen, nicht etwa umgekehrt!

Das staatlich organisierte Gesundheitswesen hat die Aufgabe, Kapital und Gesellschafts"ordnung" vor den Kranken zu schützen, nicht etwa umgekehrt die kranke Bevölkerung vor den pathogenen Verhältnissen und der mörderischen Gewalt des Kapitals.

Das Parlament, der Gesetzgeber, hat – ebenso wie die Medizin – die Aufgabe, die Lebensäußerungen der kranken Bevölkerung zu kategorisieren in solche, die für die herrschenden gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse günstig sind, und solche, die diese Verhältnisse den Bedürfnissen der Bevölkerung entsprechend zu verändern geeignet sind. Das Parlament setzt das Recht zum Schutz und zur Aufrechterhaltung des Privateigentums an den Produktionsmitteln. Nach diesen Gesetzen werden "Verbrechen" – die selbst nur Ausdruck der gesellschaftlichen Widersprüche im Einzelnen sind – als individuelle Durchbrechung der gesellschaftlichen Normen bekämpft und verurteilt. Der im "Verbrechen" zum Ausdruck kommende Protest muß von der Justiz liquidiert werden.

Die Justiz übernimmt die Funktion einer Verteilerstation, einer Selektionsrampe für Kranke. Sie delegiert in Kollaboration mit der Psychiatrie die Verwertung der Kranken an Gefängnisse, an als sozialpsychiatrische Einrichtungen getarnte Arbeitshäuser (wie z.B. das Deutsche Zentralinstitut für Seelische Gesundheit des Professor Dr. Dr. Heinz Häfner in Heidelberg und Mannheim), an Heil- und Pflegeanstalten, oder im Falle von Geldstrafen an den "freien" Arbeitsmarkt zu intensivierterer Arbeitsleistung. Was stand doch an den Toren der Konzentrationslager? – "Arbeit macht frei!"

Armee, "Grenz"schutz* und Polizei sind Gewaltinstrumente der Regierung, die die lebensfeindliche Gesellschafts"ordnung" des Kapitals gegen die Bedürfnisse der kranken Bevölkerung durchzusetzen haben. Die Polizei – "dein Freund und Helfer" – ist nicht etwa für die Bevölkerung da, sondern für die Interessen der Machthaber und Agenten des Kapitals. Wenn aber die Polizei nicht für die Bevölkerung da ist, dann muß eben die Bevölkerung für die Polizei da sein. Merkmal eines Polizeistaates ist nicht allein die Letztzuständigkeit der bewaffneten Polizei für die endgültige Vernichtung des Lebens, das von den Verwertungsagenturen Arbeitsmarkt, Gesundheitswesen, Justiz nicht mehr verarbeitet werden kann: Merkmal eines Polizeistaates ist schon die Funktionalisierung der Bevölkerung für die Bedürfnisse der Polizei (XY-Zimmermann). Bewußtseinsmäßig wird dies schmutzige Geschäft vorbereitet und unterstützt durch Religion (Schuld-und-Sühne), Schule (Lohn - Strafe) und die im "täglichen Leben" ständig eingepaukte Obrigkeitshörigkeit.

* Nicht Schutz der territorialen Grenzen, sondern Schutz der Grenze zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten.

Presse, Rundfunk und XY-Fernsehen versuchen im Auftrag der Polizei, die Bevölkerung durch Aufrufe zur Mitfahndung für die Interessen des Staats und des Kapitals und damit gegen sich selbst zu aktivieren. Polizeiliche Erfolge (Erschießungen, Hetzjagden, Verhaftungen) werden dann von der Presse als erst durch die aktive Unterstützung der Bevölkerung mögliche Erfolge dargestellt. So bekämpft der Staat die schwindende Massenloyalität und versucht, das für die Aufrechterhaltung dieses Gewaltstaates notwendige Bewußtsein von der Identität der Interessen von Ausbeuter und Ausgebeuteten ständig aufs Neue zu produzieren.

Jeder muß ein kleiner Polizist werden – weil nicht jeder "Verbrecher" werden darf, denn das kollektive solidarische "Verbrechen" gegen das Privateigentum wäre die sozialistische Revolution. Und wenn jeder in diesem Staat ein kleiner Polizist werden muß, dann nennen wir diesen Staat einen Polizeistaat.

Also kann die sozialistische Revolution nur mit Hilfe des Polizeistaates mühsam und zum Schaden der kranken Bevölkerung aufgeschoben werden. Ein solcher Polizeistaat ist gekennzeichnet durch die totale Verwaltung, Funktionalisierung und Verwertung des menschlichen Lebens in einer ununterbrochenen Kompetenzkette: Familie, Schule, Militärdienst, Betrieb, Gesundheitswesen. Das ganze geschieht nach dem Legalitätsprinzip (§ 152 StPO), das nur angewendet wird gegen unterdrückte, ausgebeutete, kranke Menschenwracks, nicht aber gegen Staatsanwälte, Richter, Direktoren, Polizisten und sonstige Sachwalter, die per Selbstvalidierung "gesund" sein müssen, und im Zusammenhang mit der Verfolgung Unschuldiger (§ 344 StGB) systematisch (§ 129 StGB) Hausfriedensbruch (§ 342 StGB), Körperverletzung (§ 340 StGB), Freiheitsberaubung (§ 341 StGB), Erpressung (§ 343 StGB), Volksverhetzung (§ 130 StGB) usw. betreiben. Wer in diesen Ausführungen eine Staatsverleumdung (§ 131 StGB) sieht, der möge, wenn er dazu die Macht hat, das Gegenteil in der Praxis beweisen.*

*Wir geben hier die Paragraphen an, damit klar wird, daß die Staatsorgane dauernd gerade diejenigen Gesetze verletzen, die zu schützen sie vorgeben. Das zu Schützende kann nur noch geschützt werden durch seine Verletzung.

31. Zum Gewaltproblem – Die Eskalation der Gewalt

Feststellung: Das gesamte materielle und ideologische Gewaltpotential befindet sich in den Händen des Staates als Unterdrückungsinstanz des Kapitals.

Wenn wir in teach-ins, go-ins, Streiks etc. unsere verbale und ansatzweise materielle Kritik an den kapitalistischen Produktionsverhältnissen äußern, so verweigert der Machtapparat der etablierten Wissenschaft und des Staates die praxisorientierte Auseinandersetzung auf der verbalen Ebene. Wenn Arbeiter durch Arbeitsniederlegungen ihren Protest gegen die lebensvernichtenden kapitalistischen Arbeitsbedingungen ausdrücken, so treten – unterstützt durch die Gewaltpotentiale Streikbrecher, Werkschutz, Polizei und Bundesgrenzschutz – Betriebsrat und Gewerkschaften auf den Plan, um mit dem Hinweis auf sogenannte Sachzwänge (Zwang zum Profit) den Protest der Arbeiter zu ersticken. Wenn die Kritik, der Protest als Widerstand ansatzweise materielle Gewalt annimmt, so wird er staatlicherseits unter Einschaltung der Rädelsführerideologie als "Widerstand gegen die Staatsgewalt" kriminalisiert und ausgeschaltet. Tritt dieser Widerstand in organisierter Form, nicht mehr punktuell, sondern in Form der revolutionären Produktivkraft Krankheit in Erscheinung, so wird aus dem künstlich per Rädelsführerideologie individualisierten "Widerstand gegen die Staatsgewalt" im Visier der Herrschenden eine "kriminelle Vereinigung zum Zwecke des Umsturzes der verfassungsmäßigen Ordnung" (§ 129 und § 81 StGB), und die revolutionäre Produktivkraft Krankheit samt ihren Trägern, den sozialistischen Patienten, wird hinter Gittern und Mauern verwahrt (verwahrt in Einzelhaft, denn auf dieser Stufe der Auseinandersetzung zwischen Leben und Kapital ist die Vereinzelung nur noch unter offener Anwendung brutaler Gewalt scheinbar zu bewerkstelligen), verwahrt zum Schutze der mörderischen gesellschaftlichen Destruktionsverhältnisse vor der Produktivkraft Krankheit. Diese Eskalation von Gewalt auf Seiten der herrschenden Unterdrücker ist ein Spiegelbild der Entfaltung der revolutionären Produktivkraft Krankheit. Die Patienten, die vor die Schranken des Gerichts gezerrt werden, stehen dort als Repräsentanten der Produktivkraft Krankheit. Sie stehen der kalten, versteinerten, toten Macht des Kapitals gegenüber, das sich nach den Prinzipien des Schuldstrafrechts an der Emanzipation und Solidarität der Kranken zu rächen versucht. "Die Rache ist ein Gericht, das wird kalt genossen" hat 1944 schon Hitlers Propagandaminister Goebbels gesagt.

"Die Anklage erhebt das Vorurteil, zu Gericht sitzt die Dummheit, und das alles nur, um dieses Würstchen zu schützen", so Rechtsanwalt Horst Mahler als Angeklagter im Springer-Prozeß. Mit dem "Würstchen" hatte er Springer gemeint. Das Würstchen Springer ist aber nur ein Sachwalter der Destruktivkraft des Kapitals, der lebensvernichtenden Produktionsverhältnisse. Das Vorurteil ist keineswegs ein Monopol des Staatsanwalts. Vorurteil und Dummheit sind auch in der Person der Richter vereinigt: Jürgen Roth hat schon am 13.8.1971 in der Wochenzeitung "Publik" geschrieben, daß Heidelberger Richter "inoffiziell" davon sprechen, daß alle Patienten Kriminelle seien. Aber dieses Phänomen heißt im Sprachgebrauch des herrschenden Rechts nicht "Vorurteil", sondern "Befangenheit" und ist Gegenstand der Beurteilung durch den Richterstand selbst – Selbstreflexion im Zerrspiegel!

In Wirklichkeit beinhaltet diese "Befangenheit" vielmehr das erstmalige höchstrichterliche Zugeständnis von Rechtsrelevanz an die Patienten in Form der Passivlegitimation. Diese Passivlegitimation wurde den Patienten noch beim Gesuch um Vollstreckungsschutz vor dem Vollzug des Räumungsurteils von Rechtsanwalt und Richter aberkannt. Die Patienten müssen zu Kriminellen gestempelt werden, Krankheit muß zum Verbrechen gemacht werden, wenn Krankheit als organisierte Produktivkraft für die Patienten in Erscheinung tritt.

Im Gesundheitswesen wird Krankheit als Objekt, als Krankenmaterial behandelt, d.h. die reaktionären Momente der Krankheit werden gegen den Patienten eingesetzt: Er wird in seiner negativen Einstellung der Krankheit gegenüber bestätigt. Seine Krankheit wird ihm weggenommen, wird bürokratisch verwaltet, chemisch und radiologisch analysiert, pharmazeutisch, elektrisch, radioaktiv, chirurgisch behandelt, amputiert; kurz, der Patient wird enteignet und seine Krankheit in Kapital verwandelt, in Kapital der Bauindustrie (Krankenhäuser, Chefarztvillen), der chemischen und pharmazeutischen Industrie (Reagenzien, Medikamente), der Elektroindustrie (Röntgenapparate, Bestrahlungsanlagen, Elektro-, Kardio- und Encephalo-Graphen, Elektroschockapparate etc.), der Glasindustrie (Laborgeräte) usw.

Der Protest als progressives Moment der Krankheit für den Patienten wird im Arzt-Patient-Verhältnis systematisch unterdrückt und bestenfalls, wenn er überhaupt noch in irgendeiner Form in Erscheinung treten kann, als Nörgelei und Querulantentum disqualifiziert und ignoriert oder in "schweren Fällen" als psychiatrisches Krankengut ebenfalls kapitalträchtig verwertet und verwahrt.

Tritt Krankheit jedoch in organisierter Form auf, wie im SPK, so wird durch Inanspruchnahme des progressiven Moments von Krankheit durch und für die organisierten Patienten deren kapitalistische Verwertung im "Gesundheits"wesen unmöglich gemacht. Wird dieser Verwertungszusammenhang nämlich durch die Patienten gestört, so treten an die Stelle der Instanz Gesundheitswesen die Instanzen Polizei und Justiz: Maschinenpistolen statt Elektroschocks, Einzelhaft im Gefängnis statt Haloperidol und Beruhigungszelle – Eskalation der Gewalt!

32. Beispiel Verfolgungs"wahn" – Progressive und reaktionäre Momente einer Krankheit

Verfolgungs"wahn" ist eine äußerst verbreitete Krankheit; er ist im weitesten Sinne die gesellschaftliche Krankheit schlechthin. Das Wort Verfolgungs"wahn" ist nur ein Etikett, dessen Bedeutung bereits das Unverständnis derjenigen bezeichnet, die es geprägt haben. Wenn ein Einzelner in allen oder fast allen Eindrücken, die er aus seiner Umgebung erfährt, eine Bedrohung seiner Existenz, seines "Lebens" erblickt, wenn er sogar noch durch seine Phantasie Erscheinungen produziert (Halluzinationen), für die keine unmittelbar feststellbaren Ursachen in der materiellen Gegenwart nachweisbar sind, dann wird er von den ärztlichen Diagnostikern vom Dienst für paranoid, für verfolgungswahnsinnig erklärt. Agoraphobie (Angst, freie Plätze zu überqueren), Brückenangst, Klaustrophobie (Angst vor überfüllten Räumen), Hypochondrie (Angst vor dem Versagen des eigenen Organismus), Erythrophobie (Angst vor dem Rotwerden) etc. sind lediglich besondere Erscheinungsformen von Verfolgungs"wahn". Verfolgungs"wahn" ist nichts als die etikettierte, geächtete, diskriminierte, diffamierte Kehrseite oder Fortsetzung dessen, was im Volksmund als "gesundes Mißtrauen" bezeichnet wird. Verfolgungs"wahn" ist Produkt des Objektseins der Einzelnen in der kapitalistischen Gesellschaft, er ist ein Ausdruck des polaren Verhältnisses von Leben und Kapital, von organischer, lebendiger und anorganischer, toter Materie.

Der vereinzelte Mensch hat Angst, fühlt sich bedroht von unbekannten "Mächten", weil die gesellschaftliche Realität für ihn undurchschaubar ist, weil sie ihm fremd ist, weil er von ihr und sie von ihm entfremdet ist: die Voraussetzung der kapitalistischen Gesellschaft ist ja gerade Vereinzelung und Bewußtlosigkeit. Das reaktionäre Moment der Krankheit Verfolgungs"wahn" ist die Hemmung, ja Paralysierung, die sie für den objektiv machtlosen, vereinzelten und entfremdeten Verfolgungs"wahnsinnigen" bedeutet. Ihr progressives Moment ist der Protest gegen die herrschenden Produktionsverhältnisse, die der Kranke – durchaus realitätsadäquat – als feindlich, ja als lebensbedrohend empfindet. Aufgabe und Funktion der Agitation muß sein, die gesellschaftliche Realität für den Kranken durchschaubar zu machen und seinen ungerichteten, paralysierten Protest in kollektive Widerstandsaktionen gegen die krankmachenden und lebensvernichtenden gesellschaftlichen Verhältnisse zu wenden.

Die destruktive Verwertbarkeit von Verfolgungs"wahn" als gesellschaftlicher Krankheit manifestiert sich in der Mobilisierung des reaktionären Moments von Verfolgungs"wahn" durch die kleine radikale Minderheit der Agenten und Handlanger des Kapitals, die über das gesamte materielle Gewaltpotential der Gesellschaft (Waffen, Gefängnisse, Gerichte, Kliniken, Heil- und Pflegeanstalten etc. etc.) verfügen: XY-Zimmermann, Baader-Meinhof-Hysterie, Steckbriefe, Genscher-Springer-Löwenthal-Banden-Hetze.

Die Angst der Herrschenden (also deren Verfolgungs"wahn") ist auf der anderen Seite die durchaus realitätsadäquate Reaktion auf die schlummernde und ständig mit Gewalt niedergehaltene Macht einer kollektiv und solidarisch handelnden Bevölkerung; "ihre tausendfache Angst wird tausendfach bewacht".

Der vereinzelte Mensch ist ebenso wie die strukturlose Masse der Bevölkerung Objekt und nicht Subjekt des Geschichtsprozesses. Der Fremdbestimmte, der Gesteuerte, der Verfolgte, der Verfolgungs"wahnsinnige" ist den objektiv mörderischen Produktionsverhältnissen der herrschenden Gesellschafts"ordnung" schutzlos ausgeliefert. Also ist der Verfolgungs"wahn" ein adäquater Ausdruck der Realität.

Wenn der Verfolgungs"wahnsinnige" von einem Unbekannten in einem harmlosen Kaffeehausgespräch nach Herkunft und Adresse gefragt wird, wird er unruhig und befürchtet, daß sein Gesprächspartner ein Verfassungsschutzagent ist. – Es gibt tatsächlich viele solcher Agenten und viele Leute, die als Informationsträger solcher und anderer staatlicher Institutionen unwissentlich oder aus egoistischen Interessen (wieder Verfolgungs"wahn") tätig sind. Wenn der Verfolgungs"wahnsinnige" einen Hering ißt, denkt er, er könne vergiftet sein, um ihn ganz persönlich krank zu machen oder zu töten. – Die sog. Umweltverschmutzung, die das lebensfeindliche Kapital diktiert, ist ein Faktum, eine durchaus reale Bedrohung jedes menschlichen Lebens.

Oder der Verfolgungs"wahnsinnige" hat etwas Geld oder einen Arbeitsplatz. Er hat Angst, daß er das Geld oder seinen Arbeitsplatz verliert. Daß ihm jemand das Geld stiehlt, daß ein "besserer" Kollege seinen Arbeitsplatz bekommt. – Das bißchen Geld, das er hat, ist sein "Ausweis", der allein erlaubt es ihm, zu essen, sich warm anzuziehen, ein Dach über dem Kopf zu haben; der Arbeitsplatz ist die einzige Möglichkeit für ihn, sich zu "verwirklichen", seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Geld und Arbeitsplatz sind für ihn sein Leben. – Aber es gibt Not und Elend, also Diebe. Und es gibt das Konkurrenzprinzip, also rücksichtslose Egoisten. Und es gibt den Kapitalismus, in dem der Geld- und Arbeitslose weniger als nichts gilt und voll und ganz zum Spielball der herrschenden Interessen gemacht wird; den Kapitalismus, in dem der kranke, unterdrückte, ausgebeutete Arbeiter ständig von den Warenhauskonzernen, den Banken, den wuchernden Hausbesitzern über Preise, Zinsen und Mieten bestohlen wird; den Kapitalismus, in dem Betriebe ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse der Arbeiter geschlossen oder "rationalisiert" werden.

Der Verfolgungs"wahnsinnige" hat Angst, zum Arzt zu gehen, er hat Angst vor der Untersuchung, vor der Therapie, vor Spritzen, Operationen usw. – Bei der Untersuchung werden seine "Personalien" aufgenommen, seine Biographie (Anamnese), er muß seinen Ausweis vorzeigen, wie bei der Polizei, seinen Geldbeutel (versichert oder nicht), wie im Lebensmittelgeschäft oder beim zukünftigen Schwiegervater, er muß sich ausziehen, sich begucken und betasten lassen wie eine Kuh auf dem Viehmarkt, und er muß die Diagnose entgegennehmen, wie der Angeklagte das Urteil des Richters. Und dann kommt die Therapie, die Strafe: Er darf nicht mehr rauchen, nicht mehr trinken, er muß sich Spritzen geben lassen, die ihm wehtun, er muß sich Operationen unterziehen, sich Organe oder Gliedmaßen wegnehmen lassen. Und er erfährt nie, nicht während der Untersuchung, noch nach der "Genesung", wie und warum! – Verfolgungswahn? Nein, Realität!

Oder der Verfolgungs"wahnsinnige" wendet sich an eine Zeitung, um diese zu veranlassen, seine Nöte und die Nöte der Gesellschaft zum Inhalt eines Artikels zu machen: Der Journalist tritt ihm als Vertreter gesellschaftlicher Interessen gegenüber. Er sagt ihm, wie "man" seine Sache darstellen muß, er spricht von Sachzwängen, von der "öffentlichen Meinung", von den Anzeigenkunden und von den Abonnenten, auf die man Rücksicht nehmen muß. Schließlich, wenn der Verfolgungs"wahnsinnige" Glück hat, erscheint vielleicht ein kleiner Artikel. Der halluzinierende Verfolgungs"wahnsinnige" erkennt sich und seine Sache nicht wieder in dem Artikel. Er versteht die Welt nicht mehr, meint er. Und dann erscheint plötzlich ein großer Artikel von einem Professor oder Minister gar, und da steht was ganz anderes drin. Da steht drin, daß der Verfolgungs"wahnsinnige" ein Verfolgungswahnsinniger ist, daß er verrückt und kriminell ist und daß er "nicht geduldet werden kann und schleunigst beseitigt werden muß". – Verfolgungswahnsinn? Nein! Realität!

Oder der Verfolgungs"wahnsinnige" fühlt sich bedroht und verfolgt von Mördern, wenn er abends nach Hause geht. Dunkle Gestalten schleichen ihm nach. Aber er hat nicht gelernt, nicht im Elternhaus, nicht in der Schule, weder in der Lehre noch in der Universität, daß die kapitalistische Gesellschaft auf Mord beruht, daß "sein Leben" nur Abfallprodukt der Kapitalakkumulation ist, daß der systematische, protrahierte (gebremste) Mord, wie er in der Krankheit zum Ausdruck kommt, Voraussetzung und Resultat der kapitalistischen Produktionsverhältnisse ist. Und er hat nicht erfahren, daß er Tag und Nacht verfolgt und umlauert wird, daß sein Haus von als Wegelagerer verkleideten Polizisten in Zivil umstellt ist, und daß die Institutionen und Agenturen des Kapitals es darauf abgesehen haben, jede selbständige Lebensregung bei den Unterdrückten und Ausgebeuteten mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln, vom ministeriellen Erlaß über die öffentliche Diffamierung bis zur Kugel aus der polizeilichen Maschinenpistole, abzutöten.

Der Mann oder die Frau, die Angst davor haben, umgebracht zu werden, haben recht! Man muß ihnen nur verständlich machen, warum sie recht haben. Dann wird ihre Angst zur Waffe.

"Aus der Krankheit eine Waffe machen" – das ist SPK-Prinzip.

33. Aggressivität – Angriff und Verteidigung

Ebenso wie Trauer, Verzweiflung etc. sind Aggressionen Affekte, die unter der Herrschaft des gesellschaftlichen Primärbedürfnisses der Kapitalakkumulation im Ausnahmefall einer "Sonderbehandlung" durch Institutionen des Kapitals zugeführt werden müssen.

Das, was sich normalerweise als Aggression äußert, ist verbogener Protest: Konventionen, Höflichkeit, Korrektheit, Freundlichkeit, Ironie, Selbstbeherrschung, Distanz, äußerste Zurückhaltung ("man kann ja nie wissen"). Dieser gehemmte, kanalisierte Protest verhindert offene Auseinandersetzungen, richtet sich gegen uns selbst, wird stufenweise von oben nach unten weitergegeben: vom Boß an den Meister, an den Vorarbeiter, an den Arbeiter, vom Arbeiter gegen den Arbeiter.

Umgangsformen sind als Umgehungsformen darauf angelegt, die Klassengegensätze zu verschleiern, Widersprüche zu vertuschen und einen Kleinkrieg zu schüren zwischen den Betroffenen, den Ausgebeuteten und Unterdrückten selbst. Das Geschäft mit den Konventionen – die lieblich lächelnde Fratze der Gewalt – überlassen wir dem Klassenfeind. Solange wir nämlich um unsere Schwierigkeiten herumgehen, anstatt sie in direktem Angriff anzugehen, ändert sich nichts. Das Wort "Aggression" kommt vom lateinischen Verb "aggredi", das bedeutet "an eine Sache herangehen".

Wenn den Patienten des SPK des öfteren der Vorwurf (vor allem von Seiten "linker" Studenten und "Sympathisanten") gemacht wurde, sie seien aggressiv, naiv, militant etc. etc., so ist dieser Vorwurf zu betrachten als eine Reproduktion des Etikettierungsrituals der Psychiater, Psychologen, Kriminologen, Volksverhetzer, Richter, Staatsanwälte etc. (diese präparieren ihre Gegner durch Klassifizierung zum Zweck der physischen Vernichtung). Dieser Vorwurf ist ebenso ein Indiz für die Unfähigkeit (Angst!) dieser "Linken", mit den bürgerlichen Konventionen zu brechen – statt dessen umgehen sie die Sache und sich selbst durch Abstimmungen, Diskussionsleiter, Rednerlisten, höfliche Diskussionsformen. So reproduzieren sie in ihren Organisationen die Strukturen, die sie im Massenmaßstab bekämpfen wollen.

Bei allen Befreiungskämpfen geht es darum, daß die Kämpfenden aus der ihnen aufgezwungenen Objektrolle ein affirmatives Prinzip machen: die Proletarier des Manifests der Kommunistischen Partei (1848), die "in einer kommunistischen Revolution nichts zu verlieren haben als ihre Ketten", die in der Black Panther Party organisierten Afro-Amerikaner in den USA, die für die Aufhebung ihres "modernen" Sklavendaseins kämpfen, und schließlich die Kranken, die in der Krankheit die revolutionäre Produktivkraft erkannt haben und entsprechend handeln. Im Befreiungskampf der Kranken geht es nicht um die Verteidigung eines gesellschaftlich fixierten Status ebensowenig wie es im Manifest der Kommunistischen Partei um die Verteidigung des Proletarierstatus oder beim Kampf der Black Panther Party um die Verteidigung und damit Aufrechterhaltung der Rolle der Neger in der Ausbeutergesellschaft geht. Durch das konstitutive Merkmal der Rechtlosigkeit haben die Kranken das "Naturrecht" auf Selbstverteidigung, d.h. auf die Verteidigung der ihnen verbliebenen Vitalsubstanz, die ständigen Angriffen seitens der Agenten der Todesökonomie ausgesetzt ist.*

*Nordirlandkämpfer ohne Depression

"Seit in Nordirland der Bürgerkrieg tobt, ist die Zahl der depressiven Erkrankungen und der Selbstmordversuche in überraschend starkem Maß um über die Hälfte zurückgegangen. Dies zeigt sich bei Männern der unteren sozialen Schichten, die Hauptbeteiligte der Kämpfe sind. Männer der oberen Klassen in Belfast und verschiedenen ruhigeren Teilen Nordirlands leiden hingegen vermehrt unter Depressionen, wie Dr. H. A. Lyons vom Purdysburn Hospital Belfast erklärte."
Frankfurter Rundschau vom 21.8.1972

Die Selbstverteidigung ist kein Selbstzweck, sondern eine Strategie, die das, was verteidigt wird – die verbliebenen Reste von Vitalsubstanz, "das Leben" – bewahrt, um es einzusetzen für den kollektiven Befreiungskampf gegen die Zwänge des organisierten Kapitals, gegen die Sachwalter und Agenten von Ausbeutung, Unterdrückung und Mord in den hier und heute gesellschaftlich institutionalisierten Formen. Also ist im Prozeß der Selbstverteidigung bereits sein Gegenteil enthalten, der Angriff als kollektiver Kampf auf der Basis von Kooperation und Solidarität, der Mittel und neue Qualität zugleich ist. Der kollektive Kampf ist die neue Qualität, in der der dialektische Gegensatz von Angriff und Verteidigung aufgehoben wird.*

*Das Gleiche gilt auch für die Dialektik von Anklage und Verteidigung im sogenannten Rechtsstaat nur mit dem Unterschied, daß hier die "Verteidigung" durch den vorgegebenen und aufgezwungenen juristischen Formalismus eingeengt, nicht über das Umschlagen in die Anklage hinauskommt, solange die Vollzugsinstrumente sich noch in der Verfügungsgewalt der Rechtsmonopolisten befinden.

34. Identität mit dem Kapital am Beispiel "Erfolg"

"Erfolg" in dieser Gesellschaftsordnung bedeutet Korrumpierung des "Erfolgreichen" = der "betrogene Betrüger".

Die Identität der Vereinzelten mit dem Kapital kommt in vielerlei Formen zum Ausdruck: Streben nach und Festhalten am Besitz, Angst vor dem Verlust dieses Besitzes, Geringschätzung des "nackten Lebens", sei es auch nur das Bedürfnis nach modischer Kleidung. Sogenannte Statussymbole – Auto, Reisen, Hobbies, Wohnungseinrichtung etc. – sind lediglich Versteinerungen von Leben – Identität mit dem Kapital. Diese Anhäufung von Konsumgütern ist nichts als Selbstbetrug und hat ausschließlich der Reproduktion der Ware Arbeitskraft zu dienen. Der "Erfolg", den ein Einzelner hat, ist eine Illusion: sei es, daß er einen günstigen Arbeitsplatz oder eine einigermaßen akzeptable Wohnung findet, daß es ihm gelingt, ein ausgezeichnetes Examen zu machen oder der "Erfolg" bei Frauen.

Das Gefühl, "anerkannt" zu werden, sympathisch zu sein, es "zu etwas gebracht" zu haben, gut oder gar besser als die anderen zu sein (Konkurrenz- und Leistungsprinzip), ist ein Erfolg der systematischen Unterdrückung menschlichen Lebens. Das Erfolgsempfinden wird in der Regel begleitet von einem Dankbarkeitsgefühl gegenüber bestimmten gesellschaftlichen Institutionen bzw. deren Exponenten: Arbeitgeber, Hausbesitzer, Universitätsrektor, Zeitungsredakteur, Buchverleger und schließlich gegenüber den gesellschaftlichen Verhältnissen überhaupt. Aber: Der vermeintlich "eigene" Erfolg ist der wirkliche Erfolg – ein Korruptionserfolg – der Gegenseite; ein wesentliches Element der Identität des "Erfolgreichen" mit dem Kapital.

35. Politische Identität

Um das Mißverhältnis zwischen den entwickelten Produktivkräften und den systematisch und gewaltsam unterentwickelt gehaltenen Produktionsverhältnissen zum Vorteil der Kapitalakkumulation aufrecht zu erhalten, ist die Unterwerfung menschlicher Bedürfnisse unter die "Naturgesetze" der kapitalistischen Produktion und Destruktion notwendig.

Beim Einzelnen äußert sich dieser Widerspruch in der Trennung und Entgegensetzung von Vernunft und Gefühl. Das möglichst störungsfreie Nebeneinanderstehen der beiden künstlich getrennten Lebensäußerungen ist die Voraussetzung für die "Ruhe" der Affekte, für die Ordnung der Fabrikhallen, in denen menschliche Lebenskraft rationell in anorganische Materie (= Kapital) verwandelt wird.

Die "Vernunft" des Kapitals kommt zum Ausdruck in der Rationalisierung der Betriebe, der Vergrößerung der Produktivkräfte, der Intensivierung der Ausbeutung und der gewaltsamen Aufrechterhaltung der Produktionsverhältnisse.

Der Einzelne ist in seiner Rationalität bestimmt von der Rationalität des Kapitals, die ihm als Naturgewalt gegenübertritt, die er tagtäglich erlebt und die ihm deshalb durch und durch "vernünftig" erscheinen muß. Sein Protest gegen diese lebensvernichtende Gewalt kann deshalb zunächst nur ein gefühlter, ein emotionaler Protest sein. Da aber die "Vernunft" das Herrschende ist, werden diese emotionalen "Ausrutscher" vom Einzelnen rationalisiert und "verschwinden" in Magengeschwüren, Gallenentzündungen, Kreislaufstörungen, Nierensteinen, Verkrampfungen aller Art, in Impotenz, Schnupfen, Zahnschmerzen, Hautkrankheiten, Rückenschmerzen, Migräne, Asthma, Auto- und Arbeitsunfällen, Unzufriedenheit usw. – oder aber die Emotionen wuchern in zwischenmenschlichen Beziehungen (Emotionale Pest), in der Affektlosigkeit ("ernsthafter" Mensch), in der Psychose usw.

Diese Gewalt der "Vernunft" ist der schleichende Tod in Gestalt des reaktionären Moments der Krankheit.

Die Bedürfnisse der solcherart Systemgeschädigten, d.h. unsere Bedürfnisse werden zur zentralen Rolle, zum Ausgangspunkt, zum Motor der agitatorischen, übergreifenden politischen Arbeit der Sozialistischen Selbstorganisation unter der Bestimmung Krankheit.

Bedürfnisse wie Besitz, Karriere, Individualität, Persönlichkeitsentfaltung, revolutionäre Berufsperspektive, die sogenannten "allgemein menschlichen" Bedürfnisse sind stets eindeutige Reproduktionen kapitalistischer Verkehrs- und Statusformen und wirken solidaritätshemmend und lebensfeindlich.

Alles scheinbar Verschiedene, Trennende, das zunächst der Vereinzelung und somit der Auslieferung an das Kapital dient, wird aufgehoben in der Gemeinsamkeit der Bedürfnisse der Kranken nach Veränderung. Diese Gemeinsamkeit der Bewußtseine äußert sich in der Politischen Identität. Politische Identität heißt: Einheit von Bedürfnissen und politischer Praxis für diese Bedürfnisse, und das kann nur der solidarische Kampf gegen die Naturgewalt Kapital sein.

36. Statt eines Agitationsprotokolls

Da hat also ein Kranker ständig Beschwerden: Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen, Herzklopfen, Todesangst. Und dann muß er noch dauernd fürchten, einer "Berufskrankheit", einem Betriebs"unfall", einem Verkehrs"unfall" oder einer Grippe zum Opfer zu fallen. Wenn dieser Kranke nun zum Arzt geht, dann erwartet er, daß dieser die als selbstverständlich angenommenen "organischen" Ursachen seines Leidens findet (Untersuchung, Diagnose) und sie beseitigt (Therapie). Dieser "natürlichen" Erwartung kommt das Vorgehen des Arztes entgegen: Er zapft dem Patienten Blut ab, das untersucht wird, er macht Röntgenaufnahmen von seinem Körper, er prüft die Reflexe mit Hammer und Nadel, und er verschreibt schließlich ein paar Tabletten oder er gibt dem Patienten eine Spritze. Oder er schickt den Patienten ins Krankenhaus, wo er operiert, aufgeschnitten und wieder zugenäht oder amputiert wird. Aber vor und manchmal auch während der "Therapie" darf der Patient über seine Krankheit reden. Nicht unbedingt das, was er will: Er muß dem Arzt seine Personalien angeben, seine Krankenkasse, den Inhalt seines Passes, dieses Todesurteil auf Abruf, das jeder Bundesbürger in der Tasche hat, und den Krankenschein, die Bescheinigung, daß der Patient die Kosten seiner Reparatur bereits im voraus per Dauerlohnpfändung ("Sozialabgaben") entrichtet hat.

Wenn der Kranke vor Antritt einer Arbeitsstelle sich beim Betriebsarzt (auch "Vertrauens"arzt genannt, weil er das Vertrauen des Kapitals genießt) oder beim staatlichen Gesundheitsamt (so eine Art TÜV für Arbeitsmaschinen) einer Pflichtuntersuchung unterziehen muß, so wird er dort allerdings nach Möglichkeit die Fragen, die ihm gestellt werden, nur "richtig" beantworten. Er wird nichts von seinen Leiden und Beschwerden erzählen. Auf die Frage "Hat es Erb-, Geisteskrankheiten oder Selbstmorde in der Familie gegeben?" wird er nicht spontan und wahrheitsgemäß antworten: "Ja, wo denn sonst?", sondern einfach "Nein". Denn er muß ja die Arbeitsstelle bekommen, sonst …

Andererseits: Ein Kranker kommt ins SPK, mit mehr oder weniger der gleichen Erwartung bezüglich der "Heilung" "seiner" Krankheit. Da nimmt nun aber die körperliche Untersuchung und die ärztliche Betreuung incl. medikamentöser Behandlung und Versorgung einen untergeordneten Platz ein. Vielmehr erhält der Kranke Gelegenheit, über die Ursachen und die Funktion seiner Beschwerden nachzudenken und mit anderen Kranken zu sprechen. Im Laufe des Prozesses der therapeutischen Agitation entdeckt er plötzlich oder allmählich, daß diese ganze Geschichte von der organischen Bedingtheit und der Selbstverschuldetheit von Krankheit ja … vielleicht … wirklich … ja, daß das vielleicht der Schlüssel ist, daß sein ganzes gesellschaftliches Dasein … ja, aber dann müßte er ja was tun, dann könnte er ja … was tun … mit den anderen Kranken zusammen. Ja – aber die sind ja viel "gesünder" als ich, sonst wären die nicht so lebendig … bei mir ist das was anderes, ich bin wirklich krank, ich kann nicht … oder hab’ ich vielleicht Angst? Angst, meine Krankheit zu verlieren? Angst vor meiner eigenen Lebendigkeit, vor meiner Lebensenergie, die von Geburt an auf Sparflamme gestellt war? – Dann versuch ich’s lieber auf politisch: Politisch aktiv kann man nur sein, wenn man ganz gesund ist! Und wenn ich mal krank bin, dann geh ich zum Arzt und der repariert mich dann ganz perfekt. Und die Ärzte sagen ja auch, man muß nur glauben, daß man ganz gesund wird, dann wird man’s auch oder bleibt’s. Und wenn ich dann ganz gesund bin, … ja dann, dann komm’ ich ganz groß raus! "Kooperation" … "Solidarität" – wo gibt’s denn das? … In China, in Vietnam, in Cuba, ja … ja … aber hier, heute? … Hier! Heute! Sozialistische Selbstorganisation unter der Bestimmung Krankheit?