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IV Zur Methode des SPK

 

13. Agitation als Einheit von "therapeutischer", wissenschaftlicher und politischer Arbeit

Die Notwendigkeit, die in der Realität der Krankheit vereinigten ökonomischen, soziologischen, psychologischen, medizinischen und politischen Momente in der agitatorischen Praxis des SPK als Einheit zu begreifen und zu behandeln, ist bestimmend für die Organisation dieser Praxis. "Therapeutische", wissenschaftliche und politische Arbeit bedingen und durchdringen sich gegenseitig. Nachdem sich das Kategorialsystem der radikalen Dialektik und der Marxschen Politökonomie im Zusammenwirken mit den progressiven Elementen der Psychoanalyse als die Methode erwiesen hatte*, erfolgte die notwendige Sozialisierung dieser Werkzeuge im Zusammenwirken von Einzel- und Gruppenagitation und wissenschaftlichen Arbeitskreisen. Die Entstehung dieser Formen ist historisch durch die Art der Entstehung und Entwicklung des SPK an der Universität Heidelberg bestimmt und nicht ohne weiteres auf andere sozialistische Selbstorganisationen übertragbar. Unsere Ausführungen über Krankheit als Produktivkraft, als ökonomische und politische Größe, müssen von anderen sozialistischen Selbstorganisationen unter der Bestimmung Krankheit in ihrer Praxis überprüft und, orientiert an den Bedürfnissen dieser Kranken, neuentwickelt und erarbeitet werden. Alles, was in dieser Schrift ausgeführt wird, ist nichts als der Ausdruck dessen, was die Patienten des SPK Heidelberg, der ersten Patientenselbstorganisation in der BRD und (unseres Wissens) auf der Welt, in eineinhalb Jahren kollektiver Praxis erarbeitet haben. Das kollektive Studium dieser Ausführungen soll die Weiterentwicklung der Selbstorganisation der Kranken als revolutionärer politischer Kraft im Sinne des Multi-Fokalen-Expansionismus vorantreiben.

*Alle nach dem herkömmlichen psychoanalytischen Interpretationsschema in der agitatorischen Situation zwischen Einzelagitationspartnern und innerhalb der Gruppenagitationen manifest werdenden Beziehungen wie Übertragung, Gegenübertragung, Projektionen, Widerstand etc., etc. wurden ebenso wie sogenannte Autoritätskonflikte nach den Kategorien von Gebrauchswert und Tauschwert aufgelöst, begriffen und im Prozeß von Emanzipation, Kooperation und Solidarität aufgehoben.

14. Vereinzelung, Einzelheiten, "Objektivität", Meinungen

Aus vereinzelten Patienten wurden im SPK Mitarbeiter – Prinzip Kooperation. Es war von Anfang an für jeden Patienten selbstverständlich, daß die Inhalte der Einzel- und Gruppenagitationen, soweit es sich dabei um sogenannte persönliche Schwierigkeiten als Einzelheiten und die damit zusammenhängenden unmittelbaren Bedürfnisse handelte, nur für die unmittelbar Beteiligten (Einzelagitationspartner, Gruppenmitglieder) von Interesse sein konnten: Nach dem Prinzip, daß diese "persönlichen" Schwierigkeiten bearbeitet, objektiviert und verallgemeinert werden und nicht – wie ansonsten üblich – als Grundlage für Geschwätz, Konkurrenz und moralische Verurteilung Einzelner ausgeschlachtet werden. Durch die Praktizierung dieses Prinzips als unabdingbare Voraussetzung für den progressiven Verlauf des agitatorischen Prozesses eines jeden einzelnen Patienten konnte kollektiv das Bewußtsein der Dialektik dieser Einzelheiten (Erscheinungen) und des umfassenden Ganzen (Wesen) erarbeitet werden.

Die Abstraktheit der Einzelheiten, der Symptome und Daten – die "wertfrei" und mehr oder weniger zusammenhangslos gesehen und klassifiziert oder willkürlich je nach Interessenlage des Diagnostikers, Berichterstatters, "Wissenschaftlers" in vorgegebene, gesetzmäßige, gesetzte Zusammenhänge gestellt werden – macht ja gerade das lebens- und wahrheitsfeindliche Diagnoseschema der herkömmlichen Medizin, die "Objektivität" der Presseberichterstattung und den Positivismus der Juristen und "Wissenschaftler" aus. Die ganze "Objektivität" der Massenmedien besteht in der Affirmation der totalen Objektrolle der Einzelnen und der Einordnung aller Fakten in ein durch die Interessen der Agenten der Profitmaximierung und der Kapitalakkumulation bestimmtes Kategorialschema. Die sogenannte Objektivität der Massenmedien ist ein Unterdrückungsinstrument des Kapitals. Sie ist gekennzeichnet durch eine scheinbare Trennung von Meinung und Interesse auf der einen Seite und Tatsachen, Fakten auf der anderen. Was Meinung und was Tatsache ist, bestimmen die Meinungsmacher als Agenten des Kapitals. Die Tatsachen, die Fakten werden dabei aus ihren objektiven, historischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen gerissen, ihrer Faktizität, ihres Gemachtseins, ihres Produziertseins (Faktum lat. = gemacht!) entkleidet und als "nackte Tatsachen" einer abstrakten "Öffentlichkeit" präsentiert. Wenn einer daherkommt und sagt: "Wir wollen leidenschaftslos die nackten Tatsachen betrachten", dann wissen wir, daß wir es mit einem hoffnungslos Verdummten oder mit einem gemeingefährlichen Verbrecher zu tun haben.

Die Meinungen, die dem Leser, Zuhörer, Zuschauer suggeriert werden, erscheinen als allgemeine Wahrheit, deren Bedeutung vorbestimmt ist durch Titel und Berühmtheit des Meinenden, durch das Etikett "Sach- und Fachautorität".

Der "kleine Mann"* wird dazu aufgefordert, seine Meinung zu äußern. Die sogenannte Freiheit der Meinungsäußerung (Wahlen, Meinungsforschung) ist Zwang, Gewalt gegen den Besitzlosen, denn was sich an Meinung durchsetzt, ist das Interesse derjenigen, die die Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel besitzen. Solange die Meinungen des "kleinen Mannes" Meinungen bleiben, sind sie ungefährlich für die Flicks, Abse, für das etablierte System. Aus der wirkungslosen Meinung der Vereinzelten muß kollektives Bewußtsein entwickelt werden. Der Gedanke bleibt nur solange Theorie, als er nur in einem oder in wenigen voneinander isolierten Köpfen ist. Wenn er aber in den Köpfen vieler, d.h. miteinander Kommunizierender und Kooperierender ist, ist er schon Praxis.

*siehe dazu: "Rede an den kleinen Mann" von Wilhelm Reich, 1946

15. Einzelagitation und Gruppenagitation

Die Einzelagitation orientiert sich an den zum Ausdruck kommenden Bedürfnissen, an den Problemen, Beschwerden, Schwierigkeiten dieses einen bestimmten Patienten, so wie sie sich ihm selbst darstellen und wie er sie durch seine Sprache und sein Ausdrucksverhalten darbietet. Bei der Einzelagitation wird die Darstellungsweise des Patienten (etwa: Gehemmtheit – oder Agieren) – die Form – ebenso zum Inhalt der gemeinsamen Bemühungen der Agitationspartner gemacht, wie die Inhalte selbst, die er zum Ausdruck bringt.

In der Gruppenagitation geht es nicht von vornherein um einen bestimmten Patienten. Ihre Inhalte werden kollektiv bestimmt, wobei das Prinzip gilt, daß sich die Gruppenagitation stets am schwächsten Glied der Gruppe zu orientieren hat. Hier ist also die Form – der Gruppenprozeß als Ganzer – das überwiegend bestimmende Element. Das schwächste Glied einer Agitationsgruppe ist nicht notwendigerweise derjenige Gruppenteilnehmer, der am wenigsten oder garnichts sagt. Es kann genausogut derjenige sein, der durch sehr viel Reden die Offenlegung seiner eigentlichen Schwierigkeiten vor den anderen Gruppenmitgliedern zu vermeiden versucht, oder dadurch seine Unfähigkeit, sich mitzuteilen, vor sich und den anderen verbergen will.

Das Begreifen des Gruppenprozesses ist dann wieder Gegenstand der Einzelagitation, d.h. daß die im Zusammenhang mit der Gruppenagitation auftretenden Ängste, Hemmungen und Widerstände des Einzelnen in der Einzelagitation bearbeitet und begriffen werden müssen. Die Grundlage der Bearbeitung der Schwierigkeiten der Einzelnen war nicht der Deutungshintergrund herkömmlicher psychiatrisch-psychoanalytischer Bezugssysteme (als absolut gesetzte gesellschaftliche Verhältnisse – Familie, Arbeitsbedingungen etc.), sondern die durch das Kollektiv verwirklichten und zu verwirklichenden Veränderungen.

Für den neuen Patienten war der erste Schritt die Einzelagitation bei einem ärztlichen Funktionsträger des Kollektivs. Die Aufnahmeuntersuchung diente der Abklärung allgemein-medizinischer und psychiatrisch-neurologischer Belange ebenso wie der gegenseitigen Information zwischen Patient und ärztlichem Funktionsträger über Motive des Patienten und die Arbeitsweise des Patientenkollektivs. Es wurde angestrebt, daß möglichst alle sowohl an einer Einzelagitation als auch an einer Gruppenagitation teilnehmen; bedarfsweise wurden neue Gruppen (max. 12 Patienten) eingerichtet. Gruppenagitation ohne Einzelagitation war grundsätzlich ausgeschlossen.

Die Arbeit des SPK fand an sieben Tagen in der Woche statt. Die Arbeitsräume waren durchgehend 24 Stunden, Tag und Nacht besetzt. Auch außerhalb von Aufnahmesprechstunden, Gruppen- und Einzelagitationen, wissenschaftlichen Arbeitskreisen waren stets einige Patienten anwesend, um für eventuelle Not- und Krisenfälle zur Verfügung zu stehen. Ein Träger ärztlicher Funktionen war zu jedem Zeitpunkt telefonisch abrufbar. Für neuankommende Patienten gab es keine unproduktiven Wartezeiten: sie konnten am selben Tag, an dem sie ins SPK kamen, aufgenommen werden. Aufgenommen wurde grundsätzlich jeder. Das Schwergewicht der neuhinzukommenden Patienten lag der Situation der Psychiatrie entsprechend bei solchen:

1) die sich auf Grund ihrer ökonomischen Situation keine Behandlung bei einem niedergelassenen Facharzt leisten konnten, bzw. eine solche bereits – eventuell in Form eines Anstaltsaufenthalts – hinter sich hatten,

2) die von den staatlichen Institutionen (Poliklinik u.a.) abgewiesen oder auf die ein halbes Jahr und längeren Wartelisten verwiesen oder direkt zu uns geschickt worden waren und

3) für die auf Grund ihrer politischen Einstellung eine herkömmliche Therapie nicht in Frage kam.

Die Gruppenagitationen fanden einmal wöchentlich an einem bestimmten Tag zu einer festgesetzten Zeit im gleichen Raum für jeweils 2 Stunden statt.

In jeder Agitationsgruppe waren einige Patienten, die am agitatorischen Prozeß schon mindestens drei Monate lang teilgenommen hatten. Sie waren, im Sinne des Multi-Fokalen-Expansionismus, nach innen Foci, welche die sich zunächst im Bereich der Erscheinung bewegenden Äußerungsformen der Gruppenmitglieder auf den Begriff brachten, wobei sie umgekehrt die Gruppe wieder als Brennpunkt ihrer eigenen Äußerungen begreifen lernten. Dies war ein fortschreitender wechselseitiger Prozeß. Bei dieser Methode konnten sich keine gruppendynamischen Rollen herausbilden.

Einzelagitationen wurden zwischen den Agitationspartnern je nach Bedürfnis und verfügbarer Zeit einmal oder mehrmals wöchentlich vereinbart. Ihre Dauer richtete sich nach den Bedürfnissen des Patienten, um dessen Symptome es ging, und nach der beiden Agitationspartnern zur Verfügung stehenden Zeit unter Berücksichtigung der anderen Patienten, die ebenfalls mit demselben Agitationspartner Einzelagitation machen wollten.

In den wissenschaftlichen Arbeitskreisen konnten sich alle Patienten nach und nach die theoretischen Grundlagen erwerben, um ihrerseits als Einzelagitationspartner für neue Patienten zur Verfügung zu stehen. Die Aneignung der für eine "aktive" Funktion notwendigen Erfahrungen in Einzel- und Gruppenagitation sowie in den wissenschaftlichen Arbeitskreisen nahm je nach Beteiligung des betreffenden Patienten verschieden lange Zeit, in der Regel jedoch mindestens 3 Monate in Anspruch. So konnten dem Andrang entsprechend ständig neue Patienten aufgenommen werden.

Kurz vor seiner Auflösung zählte das SPK rund 500 Patienten, und die Aufnahmekapazität für mindestens weitere 500 Patienten war bereits vorhanden. Was dringend benötigt wurde, waren Räume und Geld. Bei jeder Gruppensitzung bezahlte jeder Patient, der dazu nach Maßgabe seiner finanziellen Situation in der Lage war, 5,– DM in die Kollektivkasse. Dieser Fonds wurde kollektiv verwaltet und ausschließlich verwendet für die Beschaffung dringend benötigter Medikamente und für die notwendige Öffentlichkeitsarbeit gegen die ständigen Angriffe und Schikanen von Medizinischer Fakultät, Kultus- und Universitätsbürokratie.

Die Arbeitskreise im SPK fanden regelmäßig einmal wöchentlich zu festgesetzten Zeiten in den Räumen des SPK statt. Ihre Dauer betrug mindestens zwei Stunden, ihre Teilnehmerzahl variierte zwischen 10 und 30. Sie waren öffentlich, d.h. auch Nicht-SPK-Mitglieder konnten teilnehmen. In den letzten Monaten vor der Zerschlagung des SPK gab es 14 wissenschaftliche Arbeitskreise wöchentlich.*

*An den Wochenenden – Samstag und Sonntag – fanden jeweils 3 Gruppenagitationen und 3 Arbeitskreise statt, weil viele Berufstätige von Montag bis Freitag vom Arbeitsplatz und wegen familiärer Verpflichtungen unabkömmlich waren.

16. "Sozialarbeiterische" Funktionen des SPK

Die kontinuierliche Agitation im SPK wurde durch die Übernahme "sozialarbeiterischer" Funktionen ergänzt: etwa die praktische Unterstützung bei der Lösung von Wohn- und Familienproblemen; oder zum Beispiel Bearbeitung von Eheschwierigkeiten durch Hausbesuche und Gespräche mit den betroffenen Partnern; Beaufsichtigung von Kleinkindern während der Berufstätigkeit oder Mitarbeit der Eltern im SPK; klärende Gespräche mit Eltern und Ehepartnern von Mitpatienten, die nicht selbst im SPK waren. Dabei waren Ausmaß und Inhalt der auftretenden Schwierigkeiten häufig entscheidend mitbestimmt durch die die Entstehung und die Arbeit des SPK begleitende öffentliche Presse- und Rundfunkhetze der Medizinischen Fakultät der Universität und des Kultusministeriums gegen die Patienten. Ebenso gehörte die gelegentliche Hilfe bei den durch das institutionalisierte Unterdrückungszeremoniell in den Untertanenfabriken Schule und Universität herbeigeführten akuten Notsituationen von Schülern und Studenten (Klassenarbeiten, Examen) durch Nachhilfestunden zu den "sozialarbeiterischen" Funktionen im SPK.

Diese Aktivitäten konnten von Anfang an im SPK nicht institutionalisiert werden, weil das Universitätsrektorat zwar im "Kompromiß" Ende Februar 1970 noch zugesagt hatte, die Kosten für eine sozialarbeiterische Funktion zu übernehmen, diese Zusage aber ebenso wie die der freien Rezeptur von Anfang an nicht erfüllt bzw. im Verein mit der Medizinischen Fakultät aktiv sabotiert hat.

Im Prozeß der intensiven agitatorischen Praxis im SPK konnten aber die Bedürfnisse nach sogearteter Hilfe bei den meisten Patienten schnell abgebaut werden, besonders dadurch, daß der Kriseninterventionscharakter solcher Maßnahmen durch die Betroffenen sinnlich-konkret erfahren werden konnte.

So wurden die "sozialarbeiterischen" Funktionen innerhalb des SPK progressiv in Agitation des SPK nach außen umgewandelt; d.h. die Patienten waren in der Wohn- und Familiensituation ebenso wie am Arbeitsplatz in der Lage, mit Vermietern, Mitbewohnern, Familienangehörigen und Arbeitskollegen umzugehen und zurechtzukommen und darüber hinaus auch in ihrer jeweiligen Umgebung produktiv agitatorisch zu wirken.

Auf diese Weise wurde das Prinzip des Multi-Fokalen Expansionismus realisiert, in dessen Verwirklichung jeder Patient zum Focus im doppelten Sinne als Brennpunkt und als Herd: als Brennpunkt der am Wohnort, in der Familie und am Arbeitsplatz zum Ausdruck kommenden gesellschaftlichen Widersprüche; als Herd revolutionären Bewußtseins und revolutionärer Aktivität durch die Bewußtmachung und das agitatorische Zuspitzen dieser Widersprüche.

Dadurch konnten Arbeitskollegen und manchmal auch Familienangehörige aktiviert und mobilisiert werden, die dann entweder ins SPK kamen oder ihr einmal gewecktes und konkretisiertes Bedürfnis nach kollektiver politischer Praxis durch das Prinzip Selbstorganisation anderswo zu verwirklichen versuchten.

17. Fremdbestimmung – Wissenschaftliche Arbeitskreise

Wissenschaft für den Menschen heißt: wissenschaftliche Methoden zum Werkzeug der Veränderung der lebensfeindlichen Produktionsverhältnisse machen. Kritische Anwendung wissenschaftlicher Methoden (praktische Kritik) heißt: Grundlagen und Funktion bürgerlicher Wissenschaft mit der Methode der Dialektik zu überprüfen und zu verändern. Die SPK-Praxis darf nicht – wie oft geschehen – mißverstanden werden als Alternative zur herrschenden Wissenschaft (der Wissenschaft der Herrschenden) oder gar zur bürgerlichen Psychiatrie; sie beinhaltet vielmehr deren kritische Reflektierung, tendenzielle Aufhebung und Überwindung. Dabei wird davon ausgegangen, daß alle Bewußtseinsinhalte, daß alles Gewußte bestimmt ist durch Erziehung und Gewohnheit im Sinne der totalen Funktionalisierung menschlicher Lebensenergie für das Kapital (Ausdruck davon ist das Zurückbleiben der Entwicklung der Produktionsverhältnisse hinter der der Produktivkräfte). Diese Fremdbestimmung kann nur erkannt und bewußt werden im Prozeß ihrer Veränderung und Aufhebung in ihrer progressiven Seite: dem Bewußtsein der gesellschaftlichen Individuen, daß sie nichts zu verlieren haben als ihre Ketten; der Negation der totalen Fremdbestimmung der Vereinzelten in der kollektiven Selbstverwirklichung der Kranken als revolutionäre Klasse.

Denjenigen – und das ist die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung –, die kein Universitätsstudium für die Vorbereitung auf ihre Funktion im Wirtschaftsprozeß (ihre mehr oder weniger qualifizierte Ausbeutbarkeit, ihren "Beruf") brauchen, imponiert Wissenschaft – durchaus realitätsadäquat – als eine fremde, unverständliche, womöglich feindliche, zumindest unkontrollierbare gesellschaftliche Macht. Es kommt darauf an, mit ihnen gemeinsam, ausgehend von ihren unmittelbaren Bedürfnissen, die Widersprüche zwischen tatsächlicher Funktion und dem Gebrauchswert von Wissenschaft für den Menschen zu erarbeiten.

Als brauchbare Methode hat sich die kollektive Erarbeitung der Hegelschen Dialektik und der Grundlagen der Politischen Ökonomie erwiesen. Gegenstand der gemeinsamen Lektüre und Diskussion in den SPK-Arbeitskreisen waren "Die Phänomenologie des Geistes" und die "Wissenschaft der Logik" von Hegel, "Das Kapital" von Marx, die "Einführung in die Nationalökonomie" von Luxemburg, "Der Einbruch der Sexualmoral" und die "Massenpsychologie des Faschismus" von Reich, "Geschichte und Klassenbewußtsein" von Lukács, der "Versuch über den Gebrauchswert" von Kurnitzky. Texte von Mao, Marcuse, Lenin, Spinoza und anderen wurden von vielen Patienten gelesen und in die kollektive Arbeit eingebracht. Die Diskussionen der Inhalte der Texte erfolgte stets in Bezug auf die gemeinsame Praxis im SPK und die Erfahrungen der Patienten an ihrem Arbeitsplatz. Im Mittelpunkt stand der Gebrauchswert dieser Texte; es ging um ihre Anwendung in der Praxis – im Gegensatz zum herkömmlichen Seminarstil, in dem der Tauschwert der Literatur für "Vergleiche" nach dem Konkurrenzprinzip ausschlaggebend ist: eine Arbeitsweise, die die hierarchische Struktur eines Seminars mit Seminarleiter, bzw. eines "sozialistischen Schulungsleiters" entscheidend begünstigt.

In den Arbeitskreisen im SPK wurde durch den dem ersten Anschein nach schwierigen Text eine Polarisierung erzeugt zwischen denjenigen, die glaubten oder vorgaben, seinen Inhalt auf Anhieb zu verstehen, und denjenigen, die zunächst durch einen scheinbar unverständlichen Wortschwall gelähmt wurden. Bei dieser Gelegenheit konnte aus dem gemeinsamen Bewußtsein der primären Rolle der Bedürfnisse in der Arbeit des SPK Protest sowohl auf Seiten der schließlich frustrierten Akademiker wie auf Seiten der zunächst Gehemmten und durch Wörter- und Gedanken-Inflation Erschlagenen freigesetzt werden. Dadurch manifestierte sich zunächst die gemeinsame Objektrolle aller Arbeitskreis-Teilnehmer bezüglich Wissenschaft überhaupt, und im Protest gegen diese Objekt-Rolle war deren Überwindung in der kollektiven Aneignung des Produktionsmittels Wissenschaft angelegt. Diese kollektive Aneignung und der Prozeß, der zu ihr führt, ist selbst schon ein Schritt, ein konkreter Übergang von der passiven Konsumhaltung zur aktiven Entfaltung der dialektischen Einheit von Konsument und Konsumgegenstand, eine aktive und aktivierende Aufhebung der Subjekt-Objekt-Beziehung Wissenschaft-Mensch in der bedürfnisorientierten Aneignung und Funktionalisierung von Wissenschaft durch die Patienten.

18. Agitation und Aktion

Spinoza sagt: "Ich sage, daß wir dann handeln, wenn in oder außer uns etwas geschieht, dessen zureichende Ursache wir sind, d.h. wenn aus unserer Natur etwas in oder außer uns folgt, das durch sie allein klar und deutlich erkannt werden kann; dagegen sage ich, daß wir leiden, wenn etwas in uns geschieht oder aus unserer Natur etwas folgt, von dem wir nur die partielle Ursache sind."*

* Spinoza, "Ethik" – Kapitel III "Von den Affekten"

Aus dem bis jetzt Gesagten ergibt sich zwingend, wie aus dem Leiden das Handeln zu entwickeln ist. Die Bedürfnisse des Einzelnen werden so aufgenommen, wie sie produziert sind; sie können nicht an einem von außen angelegten Maßstab gemessen werden, sondern in kollektiver Arbeit werden die den Bedürfnissen immanenten Widersprüche entwickelt. Dadurch werden diese über sich hinausgetrieben und damit die subjektive Notwendigkeit der Umwälzung der bestehenden Verhältnisse für jeden Einzelnen erarbeitet. Dabei ist also zu entwickeln, daß die Beziehungen zwischen den Einzelnen Objekt-Objekt-Beziehungen sind; daß Denken und Körper kapitalistisch vorprogrammiert sind; daß das individuelle Elend identisch ist mit den gesellschaftlichen Widersprüchen; und daß der Umschlag vom Objekt zum Subjekt des Geschichtsprozesses nur kollektiv zu leisten ist. So wird die Hemmung des Protestes, den die Symptome darstellen, in die Dialektik von Einzelnem und Gesellschaft aufgelöst; aus den gehemmten Affekten der Kranken (d.h. der bewußt Leidenden) werden die Energien von Handelnden freigesetzt und genau der Explosivstoff scharf gemacht, der das herrschende System des permanenten Mordes zerschlagen wird. Die Agitation ist so selbst Aktion, das In-Gang-Setzen des einheitlichen Prozesses der Umwälzung des Bewußtseins wie der Realität. Agitation und Aktion sind so identisch und unterschieden entsprechend der Dialektik von Sein und Bewußtsein. Eine Agitation, die auf diese Weise wirksam wird, ruft notwendig die Aktion des Klassenfeindes hervor und wird dadurch über sich selbst hinausgetrieben.

Der Klassenfeind ist gerade dadurch bestimmt, daß er öffentlich und gesetzmäßig Polizeiapparat, Bürokratie und Armeen in Gang setzt gegen diejenigen, die ihr Handeln konsequent aus ihrem (gesellschaftlich produzierten) individuellen Leiden entwickeln.