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V Dialektik

 

19. Objekt – Subjekt

Krankheit:

Am unmittelbarsten manifestiert sich das Bedürfnis nach Leben in der sinnlich erfahrenen Einschränkung und Bedrohung des Lebens, in der Krankheit als kapitalistischem Dasein und, mit dem einhergehenden Leidensdruck untrennbar verbunden, dem Bedürfnis nach Veränderung, dem Bedürfnis nach Produktion. Krankheit als widersprüchliches Moment des Lebens verstanden, trägt in sich den Keim und die Energie ihrer eigenen Negation, den Willen zum Leben. Gleichzeitig ist sie Hemmung, Negation des Lebens. Als Negation des Lebens ist sie jedoch nicht nur abstrakt Negation des als isoliert biologisch (= erscheinungsmäßig) verstandenen Lebensprozesses, sondern gleichzeitig und wesentlich in Einem Produkt und Negation der "Lebens"bedingungen, d.h. der herrschenden gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse. Als so bestimmte Negation ist Krankheit zugleich die Produktivkraft zur Veränderung dieser Lebensbedingungen, denen sie ihre Entstehung "verdankt". Soviel hier zur objektiven Funktion der Krankheit.

Subjektiv wird der Kranke durch sein Leiden gezwungen, seine Existenz, sein Leben zum Gegenstand seines Bewußtseins zu machen. Hier wird die objektiv reaktionäre Funktion des Gesundheitswesens mit allen seinen Institutionen, insbesondere dem Arzt-Patient-Verhältnis, deutlich: Der Patient wird in seiner Vereinzelung bestärkt, seine Krankheit wird ihm, "seiner" Erwartung entsprechend, weggenommen, sie wird verwaltet und verwertet. Der Erfolg der "Heilung" wird vergegenständlicht in der Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit des Kranken, seiner Funktionsfähigkeit im lebensfeindlichen, krankheitserzeugenden gesellschaftlichen Produktionsprozeß des Kapitals, in seiner "Rehabilitation".

Arzt und Patient:

In der Krankheit und im Patientenstatus erfährt der Einzelne eindringlich brennpunktartig seine totale Objektrolle in seiner Wehrlosigkeit, Vereinzelung und Rechtlosigkeit. Seine Handlungsunfähigkeit wird sinnlich gewiß in seiner Behandlungsbedürftigkeit.

Eine für seine Rolle als Agent der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse wesentliche Aufgabe des Arztes in der therapeutischen Situation ist es, das Arzt-Patient-Verhältnis ständig und lückenlos durch das Konstitutiv der Behandlungsbedürftigkeit des Patienten zu bestimmen. Die institutionalisierte Verankerung und Organisation des so gekennzeichneten Arzt-Patient-Verhältnisses garantiert also die permanente Unterdrückung des in der Krankheit als progressives Moment enthaltenen Protests und dessen Materialisierung als Widerstand. Sie garantiert die Aufrechterhaltung der pathogenen Objektrolle im Stadium der akuten Krankheit. Das heißt also, daß Kapital und Staat in dem das gesamte Gesundheitswesen kennzeichnenden Arzt-Patient-Verhältnis ein Unterdrückungsinstrument ersten Ranges unterhalten. Im Stadium akuter Krankheit und Behandlungsbedürftigkeit wird seitens des Staates scharfe Munition gegen die Patienten in Gestalt der mit dem Arzt-Patient-Verhältnis verbundenen Rechtlosigkeit des Patienten eingesetzt. Der Patient hat keinerlei Rechte, das Ob oder gar das Wie seiner Behandlung, deren materielle Basis er durch Mehrwert, Steuern und Sozialabgaben geschaffen hat, zu kontrollieren oder gar zu bestimmen. Notfalls wird er entmündigt, interniert und per Euthanasie ermordet. Der in der Krankheit als ihr progressives Moment enthaltene Protest kann nur bewußt werden, sich artikulieren und in Form von Widerstand manifest werden in der kollektiven Aufhebung der Objektrolle. In der den Patienten individualisierenden, atomisierenden Behandlung durch den Arzt wird nur die Hemmung des Patienten als das reaktionäre Moment der Krankheit auftragsgemäß verstärkt. Andererseits begünstigt aber die Verschärfung der Vereinzelung deren Bewußtwerdung und die Freisetzung der im akuten Krankheitszustand verstärkten Lebensenergie als Protest und Widerstand gegen die Krankheitsbedingungen in den gesellschaftlichen Verhältnissen (Fieber und erhöhte Herzfrequenz ebenso wie die sogenannte Gewalttätigkeit sogenannter Geisteskranker sind sinnlich erfahrbare Anzeichen für diese Verstärkung).

Einzelner – Kollektiv:

Indem ich mir die objektiven Verhältnisse, die mich bestimmen (Fremdbestimmung), ihrerseits zunächst begrifflich zum Objekt mache, d.h. sie untersuche und erkenne, verwirkliche ich mich keimhaft als Subjekt; indem ich sie radikal verändere, bin ich Subjekt. – Das erstere ist individuell kaum, das zweite als Einzelner überhaupt nicht möglich.

Also ist das Individuum als Individuum zur Objektrolle verdammt (Vereinzelung). Erst die solidarische Kooperation mit anderen ermöglicht die Bewegung Objekt – Subjekt. Das heißt also, die vielen vereinzelten Objekte der gesellschaftlichen Verhältnisse können zu Subjekten erst in der kollektiven Praxis auf der Basis solidarischer Kooperation werden.

Damit haben diese kollektiv kooperierenden Einzelnen die gesellschaftlichen Verhältnisse, von denen sie einen Teil ausmachen, für sich verändert: Und zwar einfach dadurch, daß sie als Kollektiv – nicht mehr nur als Vereinzelte – Teil der gesellschaftlichen Verhältnisse sind. Vereinzelte sind als Objekte wehrlose Opfer der gesellschaftlichen Verhältnisse, zusammen im Kollektiv werden sie für sich der sichtbaren Möglichkeit nach – und ansatzweise wirklich, d.h. wirksam – zu ihrem Subjekt. In dieser Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse für sich ist bereits der Keim ihrer Veränderung an sich angelegt.

Folgerung:

Aus all dem folgt: eine Intensivierung und Verfeinerung der Krankenversorgung – etwa durch verstärkten und gemeinschaftsbezogenen Einsatz ärztlicher Funktionen (z.B. Gemeindepsychiatrie, Institut für seelische Gesundheit, klassenloses Krankenhaus etc.) auf der Basis des durch Ausbildung, Tradition und staatliche Kontrolle bestimmten Arzt-Patient-Verhältnisses oder Varianten davon – ist objektiv ein die Patienten gefährdendes und schädigendes Unternehmen, und jeglicher Reformismus als dessen Verfeinerung dient objektiv nur der Stabilisierung der herrschenden mörderischen Verhältnisse. Beziehungen von Personen zueinander müssen von Anfang an als Objekt-Objekt-Beziehungen begriffen werden. Im Falle des Arzt-Patient-Verhältnisses z.B. ist jeder der beiden Verhältnispartner in spezifischer Weise Objekt desselben Subjekts, des Kapitals. Der Patient als Objekt des scheinbaren Subjekts Arzt legt seinen Leidensdruck und sein Bedürfnis nach Veränderung programmgemäß in die Hände des Arztes, der so seiner objektiven Funktion als Sachwalter des Kapitals entsprechend zum Verwalter der Krankheit wird. Im "Erfolgsfall" produziert der Arzt für den Patienten die vordergründig vom Patienten gewünschte Veränderung in Gestalt von "Gesundheit" dadurch, daß er den Patienten von seinem spezifischen Symptom "befreit": Für das Kapital produziert er auftragsgemäß die erneut ausbeutbare Arbeitskraft.

Ziel aller Beziehungen zwischen Einzelnen ist die Aufhebung ihres Objektseins in der kollektiven Praxis gegenüber der noch bestimmenden Kraft des Geschichtsprozesses, dem Kapital (Befreiungsbewegung auf der Grundlage der Solidarität). Es wird also nicht der Fetisch "individuelle Gesundheit", gegenseitige Anerkennung als Tauschhandel in Form von Sympathie produziert, sondern Solidarität und das gemeinsame Bedürfnis nach Veränderung. Das veränderte Bewußtsein ist gleichzeitig Voraussetzung und Resultat des praktischen, politischen Kampfes; denn nur im Kampf für den Sozialismus ist Selbstverwirklichung möglich.

20. Aufhebung der Objektrolle im Kollektiv

Erkenntnis ist nur möglich und für den Menschen sinnvoll als Veränderung des Erkannten durch das erkennende Subjekt. Jeglicher verändernden Erkenntnis geht voraus die sinnliche Gewißheit der Objektrolle des Bewußtseins bezüglich des Seins, der Objektrolle des Vereinzelten bezüglich der materiellen Basis seines gesellschaftlichen Seins. Die Hemmung, die das Denken, die Vitalität, das Leben auf der Stufe der sinnlichen Gewißheit erfährt, äußert sich in Krankheitssymptomen: Arbeitsstörungen, Depressionen, sexuellen Schwierigkeiten, Angst usw.

In der kollektiven Erarbeitung der wirklichen (wirksamen) Subjekt-Objekt-Beziehung wird die Objektrolle des Vereinzelten selbst zum Gegenstand, zum Objekt des Erkenntnis- und Veränderungsprozesses. Die begriffene Objektrolle des Bewußtseins bezüglich des Seins wird aufgehoben in der seinsverändernden Tätigkeit des entwickelten, d.h. des sich entwickelnden Bewußtseins. Damit ist eine qualitativ neue Stufe erreicht: Aufhebung, d.h. zugleich Negation und Erhaltung auf erweiterter Basis des Einzelnen im Kollektiv. Das Kollektiv ist objektiv und subjektiv eine neue Qualität: Objektiv, indem die kapitalistischen Produktionsverhältnisse mit einer Gegenmacht konfrontiert und zu spezifischen Reaktionen gezwungen werden, subjektiv, indem die vereinzelten, falschen, verkrüppelten, stagnierenden Bewußtseine, im fortschreitenden Prozeß der neuen Qualität des kollektiven Bewußtseins, der Gemeinsamkeit der Bewußtseine in der kollektiven Praxis aufgehoben werden. In der Auseinandersetzung mit der Gegenmacht des Kapitals ist das Kollektiv stets zugleich Objekt und Subjekt des wechselseitigen Veränderungsprozesses. Die gewußte Objektrolle des Einzelnen im kapitalistischen Produktions- und Verwertungsprozeß ist zugleich der Motor ihrer eigenen Abschaffung. Die Stufe des kollektiven Bewußtseins muß ständig erneut erarbeitet und verteidigt werden gegen die destruktiven Wirkungen des Kapitals im täglichen Produktions- und Reproduktionsprozeß der Einzelnen, ebenso wie in der täglichen Agitationsarbeit im ständig expandierenden Kollektiv. Der Kranke, der ins Kollektiv kommt, bleibt nicht der vereinzelte Kranke, als der er kam; Ziel seiner Mitarbeit ist auch nicht, daß er das Kollektiv – analog etwa zu einer Poliklinik oder Arztpraxis oder sonstigen Hilfsorganisation – als "geheilt" wieder verläßt, um als unverändert Vereinzelter dem unverändert fortdauernden Realitätsprinzip der krankmachenden und lebensfeindlichen kapitalistischen Gesellschaft schutzlos und unbewaffnet ausgeliefert zu sein. Vielmehr beginnt jeder Kranke im Kollektiv den Prozeß der Objektivierung seiner Krankheit; ein Prozeß, der die Entwicklung des Kollektivs als Ganzes aufzeigt und der von jedem Einzelnen vollzogen werden muß:

- Die Objektrolle des Einzelnen gegenüber den Produktionsverhältnissen (Produktion von Mehrwert – Destruktion von Leben) wird subjektiv empfunden als Subjektrolle. Dieser Widerspruch manifestiert sich in der Qualität Krankheit, Leidensdruck.

- Dem gesellschaftlich produzierten Bewußtsein stellt sich Krankheit als individuelles, selbstverschuldetes Schicksal dar. Die Krankheit wird gesellschaftlich angeeignet und verwertet durch individualisierende Behandlung im Arzt-Patient-Verhältnis unter der Kontrolle des patientenfeindlichen und krankheitskonservierenden Gesundheitswesens (Sozialabgaben – "geplante" Krankheit). Dieser Widerspruch äußert sich in der Qualität Patient.

- Im Kranken zeigt sich der Widerspruch zwischen Krankheit als Protest ( = Lebensäußerung) und der Hemmung dieses Protests. Dieser Widerspruch entfaltet sich in der neuen Qualität des Bewußtwerdens der Objektrolle des Einzelnen im kapitalistischen Produktions- und Destruktionsprozeß.

- Die Erfahrung der dialektischen Wechselwirkung zwischen Sein und Bewußtsein – nämlich: Krankheit als Hemmung von Leben und Krankheit als unartikulierter Protest gegen die lebensfeindlichen Verhältnisse und gesellschaftlichen Zwänge. Diese Erfahrung findet ihren Ausdruck im kollektiven Bedürfnis nach Veränderung als Aufhebung des illusionären Wunsches nach "Gesundheit". Neue Qualität: Sozialistische Selbstorganisation, Kollektiv.

- Durch die Expansion des Kollektivs kommt es zu immer schärfer werdenden Konfrontationen mit den gesellschaftlichen Herrschaftsinstitutionen (Gesundheitswesen, Universität, Ministerium, Justiz, Polizei); Kampf des Kollektivs gegen die Institutionen, Öffentlichkeitsarbeit. In diesen Auseinandersetzungen wird das Kollektiv zum Subjekt gesellschaftlicher Veränderungsprozesse. Gleichzeitig entfaltet sich nach innen und nach außen (durch Entstehung weiterer Sozialistischer Selbstorganisationen unter der Bestimmung Krankheit) das Prinzip des Multi-Fokalen Expansionismus als neue Qualität.

- Im Kampf des Kollektivs gegen die lebensfeindlichen Kräfte des Gesellschaftssystems entfaltet sich der Multi-Fokale Expansionismus zur neuen Qualität der Politischen Identität, d.h. zur Einheit von Bedürfnissen und politischem Kampf.

- Dieser Prozeß vollzieht sich in jedem Einzelnen, im Kollektiv und zwischen den Kollektiven, den Brennpunkten (Foci) der Bewegung.

21. Multifokaler Expansionismus – "Fokus"

Aus der Arbeits- und Organisationsweise des Kollektivs: Einzel- und Gruppenagitation, wissenschaftliche Arbeitskreise, Öffentlichkeitsarbeit, ständige Erweiterung des Kollektivs – wird das Prinzip des Multi-Fokalen Expansionismus als neue Qualität entwickelt. Das Prinzip Multi-Fokaler Expansionismus ist keimhaft bereits im Wesen der Patientenselbstorganisation enthalten: Jeder Kranke als Einzelner ist Fokus (Brennpunkt, Kristallisationskern) der gesellschaftlichen Widersprüche in mehr oder weniger entwickeltem Stadium. Im Prozeß der Einzel- und Gruppenagitation erfolgt die Bearbeitung und Entfaltung dieser Widersprüche im Einzelnen, der dadurch schrittweise und stets aufs Neue die Stufe der Vereinzelung überwindet: Zunächst bezüglich des Einzelagitationspartners, dann bezüglich der Agitationsgruppe, um schließlich als Teil des Kollektivs seinerseits die kollektive Wirklichkeit und Wirksamkeit zu erfahren und zu gestalten. In ständig sich wiederholendem Prozeß durchläuft jeder Einzelne die Stufen:

subjektiv Subjekt – objektiv Objekt,

subjektiv Objekt – objektiv Subjekt,

um in der bewußten Produktion des kollektiven Bewußtseins schließlich Momente der Einheit von Sein und Bewußtsein, die neue Qualität der Politischen Identität zu erfahren und zu produzieren.*

*Die Agitation wurde SPK-intern und öffentlich, in den Arbeitskreisen wiederholt gründlich in Frage gestellt. So hatten beispielsweise 2 Patienten eines Tages in einem Arbeitskreis beschlossen, die ärztlichen Funktionen samt ihren Trägern ganz abzuschaffen. Den übrigen waren die beiden, wie sich in der eingehenden Methodendiskussion zeigte, längst durch ihr ständiges Verlangen nach "dem Arzt" aufgefallen. Dieser Widerspruch reaktualisierte sich augenblicklich in dieser Gruppensituation; aber nicht – was nahegelegen hätte – in Form einer Kritik an den "irren Ansichten", an dem "Fehlverhalten" der beiden, oder gar an den Machwerken "Übertragung" und "Fixierung", sondern an dem alle gleichermaßen betreffenden Problem, bisher nicht erkannt zu haben, daß wir uns in der Einzel- und Gruppenagitation und in den Arbeitskreisen als Händler, Konsumenten und betrogene Betrüger gegenseitig produzieren, weil eben mehr und anderes nicht in uns reingekommen ist. Hauptinteresse der Agitation wurde daraufhin das Konsum- und Herrschaftsverhalten und sein Zusammenhang mit der warenproduzierenden Gesellschaft.

Fokus bedeutet Brennpunkt im Sinne der Strahlenoptik: Eine Sammellinse z.B. vereinigt alle durch sie hindurchgehenden Lichtstrahlen in einem Punkt, dem Brennpunkt, dem Fokus. Fokus bedeutet aber auch Herd in dem Sinne, daß ein solcher Herd Ausgangspunkt von Wirkungen ist, z.B. ein Unruheherd oder auch ein einfacher Küchenherd, der Ausgangspunkt von Wärmewirkungen ist. Damit ist das Wort "Fokus" in seiner Bedeutung als einer doppelten: Sammelpunkt, Brennpunkt einerseits und Ausgangspunkt, Herd andererseits als Bezeichnung einer widersprüchlichen, dialektischen Einheit bestimmt.

Jeder Kranke ist nun in spezifischer Weise Fokus. Objektiv ist jeder Einzelne Brennpunkt gesellschaftlicher Widersprüche. Im Prozeß der bewußten Entfaltung der in der Krankheit zusammengefaßten Widersprüche von Hemmung und Protest wird diese Qualität "Fokus" als Brennpunkt der gesellschaftlichen Verhältnisse (Widersprüche) zur subjektiven Qualität, d.h. der Kranke ist als seines Leidens und der gesellschaftlichen Zusammenhänge Bewußter objektiv und subjektiv Fokus.

Krankheit als Leidensbewußtsein, als gewußte Hemmung ist Voraussetzung und tendenzielle Aufhebung der Qualität "Fokus" als Brennpunkt in der neuen Qualität "Fokus" als Herd. Erst durch das Bewußtwerden der totalen Objektrolle des Kranken, durch das Bewußtsein von Krankheit als Hemmung, ist die Freisetzung ihres progressiven Moments als bewußtem Protest möglich. Der Prozeß der Aufhebung der Qualität "Brennpunkt" (Hemmung) in der Qualität "Herd" ist die auf Kooperation und Solidarität basierende Emanzipation des Objekts, des Behandelten, zum Subjekt, zum Handelnden.

22. Dialektik der Sexualität

In der kapitalistisch organisierten Gesellschaft ist Sexualität nur formell abstrakt bestimmbar; d.h. Sexualität kann nicht als etwas Vorhandenes verstanden sondern muß als etwas zu Verwirklichendes begriffen werden.

Die grundlegendste wissenschaftliche Leistung Sigmund Freuds besteht in der Erkenntnis des Niederschlags der Erlebnissignifikanzen in die Materiatur des Körpers (Somatisierung, psychogene Störungen der Organfunktionen etc.); als Erscheinungsformen dieses zerstörten Somas imponieren dann die als Psychosen, Neurosen und Schizophrenien klassifizierten Symptombilder. Freuds bürgerliche Klassenzugehörigkeit hat ihn daran gehindert, diesen fruchtbaren theoretischen Ansatz konsequent zu Ende zu führen. * In der Psychoanalyse werden die Symptome lediglich auf der Vorstellungsebene bearbeitet, während die Sexualität als notwendige Lebensäußerung, als Freisetzung von Lebensenergie weitgehend unbearbeitet und unbewältigt bleibt. Was dann als Heilung imponiert, ist die Abwesenheit der störendsten Symptome auf der Grundlage eines lediglich kleinbürgerlichen Sexualverhaltens.

*Die Irrwege des Freudschen Denkens bestehen, auf eine einfache Formel gebracht, darin, daß er für ein Problem, das sich ihm von vornherein materialistisch stellt, lediglich eine idealistische Lösung findet. Indem er bei aller in der Psychoanalyse enthaltenen Kritik an der bürgerlichen Gesellschaftsordnung letzten Endes doch der bürgerlichen Ideologie verhaftet bleibt, schwankt sein gesamtes Denken zwischen mechanischem Materialismus auf der einen und metaphysischem Idealismus auf der anderen Seite; außerdem verhindert die Hypostasierung (= Überhöhung) der bürgerlichen Gesellschaftsordnung zum "Realitätsprinzip" schlechthin die Entwicklung der historischen Dimension. Dies sind die erkenntnistheoretischen Voraussetzungen von Freuds Pessimismus, wie er in der einschlägigen Literatur immer wieder hervorgehoben wird.

Wilhelm Reich war es, der den Versuch unternahm, die Freudsche Theorie vom Kopf auf die Füße zu stellen.* Indem er die Störung der Sexualfunktionen als Ursache "psychischer" Störungen erforscht, gelingt es ihm, den Widerspruch zwischen der Sexualität als Lebensfunktion und deren Brechung durch die Gewalt der Natur und der Gesellschaft ansatzweise historisch-dialektisch zu entwickeln. **

*Der Ausschluß Wilhelm Reichs aus der Kommunistischen Partei und damit seine Isolierung von der sozialistischen Bewegung haben zur Folge gehabt, daß er die Ansätze einer materialistisch-dialektischen Theorie der Sexualität nicht weiter entwickeln konnte. Dies erklärt seinen Rückfall in einen mechanischen Materialismus, wie er sich in der in Reichs letzten Lebensjahren entwickelten Orgon-Theorie darstellt. Auf Seiten der kommunistischen Parteien hat die Weigerung, die sexuelle Misere nicht nur als abstraktes Politikum zu begreifen, zur Entstehung jenes Puritanismus in den Parteiorganisationen als emotionaler Basis von Doktrinarismus und Bürokratismus geführt, wie er auch heute wieder in den mit kommunistischen Parteigründungsansprüchen auftretenden linken Gruppen nach der Zerschlagung der antiautoritären Bewegung fröhliche Urständ feiert.

**In den Urgesellschaften wird die Organisation des Sozialverbandes bestimmt von der Notwendigkeit, sich gegen die Gewalt der Natur zu verteidigen. Reichs auf Malinowskis Forschungen beruhende Arbeit "Der Einbruch der Sexualmoral" ist in diesem Zusammenhang von großer erkenntnistheoretischer Relevanz:

1. demonstriert sie den Zusammenhang zwischen Naturgewalt und Gewalt im Inneren des Sozialverbandes. Wo, wie bei den Trobriandern – und das ist ein Ausnahmefall – die Natur den Menschen nicht feindlich gegenübersteht, entstehen unmittelbar im Inneren des Sozialverbandes keine gesellschaftlichen Zwänge.

2. führt die autonome wirtschaftliche Entwicklung (Übergang zum Ackerbau) zur Entstehung von Privatbesitz und somit zur besitzgebundenen Monogamie und deren triebeinschränkenden Folgen. Es ist von entscheidender Wichtigkeit, hier festzuhalten, daß es offenbar in der Bestimmung des "paradiesischen Urzustandes" selbst liegt, in einen anderen, wirtschaftlich höher stehenden Zustand überzugehen, ohne daß – hier bei den Trobriandern – von außen kommende Impulse, z.B. Tauschhandel mit einem höher entwickelten Stamm eine qualitative Veränderung der sozialen Strukturen herbeiführten.

3. zeigt Reichs Arbeit die Entstehung der Triebunterdrückung als Folge der Herausbildung von Privatbesitz und gleichzeitig als Voraussetzung für dessen Aufrechterhaltung und Vermehrung. Reichs Schrift "Der Einbruch der Sexualmoral" ist eine der konsequentesten Widerlegungen jener Theorien, welche die sogenannte Geisteskrankheit zur existentiellen Grundbefindlichkeit (pseudophilosophisch) oder zur erbgenetischen Determination (naturwissenschaftlich) stilisieren. Die als Geisteskrankheiten klassifizierten Symptomatologien sind keine anthropologischen Kategorien, sondern Momente der Anthropologie – begriffen als Totalität der menschlichen Gattungserfahrung, welche marxistisch als Entfremdung und Aufhebung der Entfremdung zu bestimmen ist.

In der Konsequenz dieses Reichschen Ansatzes und seiner historisch-materialistischen Aufarbeitung wurde im SPK Krankheit als Widerspruch innerhalb des Lebens, als in sich gebrochenes Leben begriffen. Der tendenziellen Zerstörung allen Lebens durch die potenzierte Naturgewalt des Kapitals entspricht auf der Ebene des Einzelnen die Umwandlung von Sexualität in Angst und der dieser Angst immanenten Selbstdestruktion.

In ihrer jeweiligen historischen Erscheinungsform ist Sexualität stets nur als Funktion sozio-ökonomischer und kultureller Bedingungen konkret bestimmbar. Die Erfordernisse, die sich aus dem Angewiesensein des Menschen auf die Reproduktion seiner Lebensbedingungen ergeben, die er einstmals ständig neu den ihn bedrohenden Naturgewalten abringen mußte und deren Erfüllung er heute mit dem Unterordnungszwang unter die herrschende kapitalistische Gesellschaftsordnung bezahlt, diese Erfordernisse stellen sich der Sexualität nicht nur entgegen; vielmehr muß davon ausgegangen werden, daß eine Trennung zwischen Sexualität und dem Funktionsganzen der stets neu zu reproduzierenden wirtschaftlichen und kulturellen Lebensbedingungen gar nicht möglich ist. Wer von Sexualität redet, wer Sexualität meint, kann sich nur dann verständlich machen, wenn er zumindest weiß, daß er sich unweigerlich im Kategorialsystem von Wirtschaft und Verwaltung bewegt. Was er sonst etwa noch meinen könnte, man denke an eigene affektive Erfahrungsinhalte sexueller Art, kann er, da es sich um bewußt gewordene Gefühle handelt, zwar in der Weise abstrakter Allgemeinheit mitteilen, wodurch er aber weder spezifische Gefühle zu erfassen in der Lage ist, noch imstande sein wird, von anderen Aufschluß beispielsweise auch nur darüber zu erhalten, ob von ihm für sexuell gehaltene Erfahrungen nicht in Wirklichkeit nur die gefühlten Rückstände von Funktionsbezügen sind, die mit Sexualität nichts oder jedenfalls nur sehr wenig zu tun haben. Jedenfalls demonstrieren die Extremfälle Nymphomanie und Satyriasis (übersteigerter Sexualtrieb bei der Frau und beim Mann), daß etwas, das erscheinungsbildlich als exzessive Aktivität imponiert, in Wirklichkeit nichts anderes als Sexualabwehr in höchster Potenz ist, wobei nämlich das Praktizieren von "Sexualität" das einzige Mittel zu sein scheint, um die hier zugrundeliegende Lust-Angst (Reich) zu inaktivieren. Wäre es möglich, das hier vorliegende Sexualverhalten von den wirtschaftlichen und kulturellen Bestandteilen freizupräparieren, so bliebe nicht etwa Sexualität zurück, sondern schlechterdings nur die dieses Sexualverhalten bestimmende Angst.

Beim Versuch, Urformen der Sexualität zu rekonstruieren, ist man auf Lebensgemeinschaften verwiesen, die von denjenigen unserer Kulturkreises vielfach sosehr abweichen, daß es leicht und im übrigen literarisch ergiebig ist, sie zu einem verlorenen Paradies sexueller Freizügigkeit hochzustilisieren. Die durch keinerlei Schranken behinderte, inzestfreie und offenbar auch Altersunterschiede der Partner nicht berücksichtigende allgemeine Promiskuität in der sogenannten Urhorde ist als Funktion der Konstanthaltung optimaler Lebensbedingungen für diese Gemeinschaft keineswegs befreite Sexualität, sondern vielmehr Resultat des durch die äußere Bedrohung aufgezwungenen Ansporns zu größtmöglichem Zusammenhalt und der Abgrenzung gegenüber anderen Urhorden und deren Übergriff auf die materiellen Voraussetzungen der zu sichernden Lebensbedingungen.

Reich hat dargestellt (Einbruch der Sexualmoral!), wie die Sexualität am Übergang von urkommunistischen in patriarchalische Gesellschaftsformen sprunghaft verändert wird. Dem Streben nach Erhaltung und Festigung von Besitzverhältnissen entspricht die Reglementierung der Sexualität, die Unterdrückung des genitalen Prinzips zugunsten vorwiegend oraler und analer Lustbefriedigung.

Dies manifestiert sich u.a. in einer Veränderung der Lebensgewohnheiten, z.B. in dem Zwang einer gemeinsamen Einnahme der Mahlzeiten. Durch Koalitionszwänge dieser Art wird die Autonomie und Spontaneität des Einzelnen immer mehr in den Hintergrund gedrängt. Zentralistische Tendenzen treten als Verhältnisse fixierter Rollenverteilung, Unterwerfung des Einzelnen unter die etablierten Befehlsautomatismen hervor und prallen schließlich aufeinander in Form einer Abgrenzung dieser weitgehend entsexualisierten Familienverbände, die in vielfach gesteigerter bis zu offen ausbrechender Feindseligkeit zum Ausdruck kommt. Das Verhalten des Einzelnen wird dadurch bestimmt von sado-masochistischen Tendenzen, neurotischer Ängstlichkeit, führungsspezifischen Identifikationsprozessen und Perseverationstendenzen (Verharrungstendenzen). Es wird von Reich als Sexualisierung nicht-genitaler Triebregungen begriffen, die ihrerseits umgekehrt bewirken, daß schon in der frühkindlichen Entwicklung die Erreichung genitaler Reize behindert wird zugunsten der auf orale Aufbrauchstendenzen und anale Perseveration gerichteten Verhaltensweisen.

Das Sexualverhalten ist unter diesen Umständen als eigenständige Komponente menschlichen Verhaltens überhaupt nicht mehr in Betracht zu ziehen, vielmehr stellt es nur eine Art Kitt oder Zement für ökonomische Austauschverhältnisse zwischen Mensch und Natur und zwischen Mensch und Mensch dar. Das Sexualverhalten unterliegt ganz und gar der Steuerung durch wirtschaftliche Erfordernisse. Wo die Partner glauben, ihre Wahl nach freiem Ermessen und auf Grund primärer und sekundärer geschlechtsspezifischer Attraktion getroffen zu haben, ist bei objektiver Betrachtung davon auszugehen, daß diese Wahl vorher-bestimmt ist durch Erziehung und Milieu, relative Gewohnheitsbildung, die ihren Ursprung in ökonomischen Interessen haben. Die geschlechtsspezifischen Eigenschaften, einschließlich der biologischen Konstitution bis hin zu der individuellen Wahrnehmungsstruktur, sind bedingt durch die Sexualisierung der Partialtriebe, deren Aktivierung Resultat der Konkurrenz zwischen ökonomischen und zurückgedrängten genitalen Strebungen ist.

Es wird aus dem bisher Gesagten ohne weiteres verständlich, daß sich die Produktionsverhältnisse insgesamt in der Organisation des Somas und in dem Kunstprodukt Psyche niederschlagen. Folglich ist jeder Ansatz zur Bewältigung der sexuellen Misere zum Scheitern verurteilt, wenn er von der Totalität der herrschenden Produktionsverhältnisse einerseits und von deren notwendigen Abschaffung andererseits abstrahiert. Grundsätzlich wurde im SPK davon ausgegangen, daß alles, was unmittelbar als sexuelles Bedürfnis sich darstellt, als durch das Kapital produziertes Bedürfnis zu betrachten und als solches zu bearbeiten ist. Ebenso waren Haltungen etwa des Inhalts, daß erst die sexuellen Schwierigkeiten bewältigt sein müßten, bevor man sich der politischen Arbeit zuwenden könne; oder umgekehrt, daß erst nach der Abschaffung des Privatbesitzes an Produktionsmitteln sexuelle Emanzipation möglich sei, als bloß abstrakte Negation zu ersetzen durch Herstellung konkreter Möglichkeiten unter Berücksichtigung der unmittelbaren Lebensverhältnisse des Einzelnen als bestimmte Negation.

Die völlige Aufsplitterung der sexuellen Energie durch die kapitalistischen Produktionsverhältnisse in Partialtriebe (Voyeurismus, Objektfetischismus, Perversion etc.) ist die einfache Negation der Sexualität. Die Partialtriebe sind die materielle Verwirklichung der Herrschaft des Tauschwerts im Einzelnen. Durch die totale Unterordnung allen Lebens unter den Tauschwert sind alle "zwischenmenschlichen" Beziehungen als Beziehungen zwischen Objekten (= Austausch von Neurotizismen) bestimmt. Die Veränderung von Objekt-Objekt-Beziehungen in Subjekt-Subjekt-Beziehungen ist Gegenstand politischer Praxis und beinhaltet die Negation des Tauschwerts überhaupt. – KLASSENKAMPF!*

*Frantz Fanon hat in "Die Verdammten dieser Erde" am Beispiel des Befreiungskampfes des algerischen Volkes dargestellt, wie im Prozeß der Revolution bei den ehemals Kolonisierten nicht nur eindeutig psychiatrische Symptombilder sich aufgelöst haben, sondern auch scheinbar unauflösbare Somatisierungen wie Bandscheibenschäden, chronische Darm- und Magengeschwüre, Muskelverspannungen etc. verschwunden sind.

Der Prozeß der sexuellen Emanzipation kann – etwas schematisch – folgendermaßen dargestellt werden:

1) Auszugehen ist von der Negation der Sexualität als Lebensfunktion und der Herrschaft der Partialtriebe (Warenfetischismus). Die durch die Partialtriebe sexualisierten Objekte flößen gleichzeitig auch Angst ein. Daraus folgt die Notwendigkeit der Befreiung der Partialtriebe von ihren beängstigenden Vorstellungsinhalten. Es ist auf dieser ersten Stufe grundsätzlich jede Form der sexuellen Betätigung zu unterstützen (z.B. ist nicht die Onanie schädlich, sondern lediglich etwa vorhandene, sie begleitende selbstdestruktive masochistische und sadistische Vorstellungsinhalte).

2) Negation der Partialtriebe durch ihre Unterordnung unter die Genitalfunktion. Der Übergang von 1) zu 2) setzt die Bereitschaft zur Kooperation von Sexualpartnern voraus. Vorübergehend kann es nach Auflösung der Ängste und Hemmungen zu promiskuen Einstellungen kommen, die wieder verschwinden, sobald die Notwendigkeit sexueller Kooperation erkannt wird.

3) Integration der immer noch abgespaltenen Sexualität in das als Politische Identität zu bestimmende Subjektsein. Es muß ganz klar gesehen werden, daß selbst dann, wenn es gelingt, die Sexualität ansatzweise genital zu organisieren, und die die politische Produktivität hemmenden Partialtriebe weitgehend auszuschalten, ihre Praktizierung etwas Abgespaltenes und Partikulares bleibt, solange die entfremdeten Lebenszusammenhänge, denen die Einzelnen unterworfen sind, weiter fortbestehen (Arbeitsplatz, Familie, Schule, Universität in ihrer kapitalistischen Organisationsform). Aber die Erfahrung der Möglichkeit sexuellen Glücks mobilisiert gerade jene Energien, die aufgeboten werden müssen, um die Voraussetzungen seiner konkreten Realisierung zu schaffen.

Die Frage, ob es eine Lösung der sexuellen Misere gibt, ist keine theoretische, sondern eine praktische Frage.*

*Zum Verständnis der Begriffe "Partialtriebe", "Genitalität" etc. verweisen wir auf die Schriften von Wilhelm Reich: "Der Einbruch der Sexualmoral", "Die sexuelle Revolution", "Die Funktion des Orgasmus", "Massenpsychologie des Faschismus".

Es ist im Rahmen dieses Buches nicht möglich, eine zusammenhängende materialistische Theorie der Sexualität zu entwickeln. Im Hinblick auf Praxis halten wir es aber für wichtig darauf hinzuweisen, daß wir alle auch in den progressivsten Arbeiten Reichs immer noch vorkommenden psychoanalytischen Begriffe bewußt auf dialektisch-materialistische Kategorien zurückgeführt haben.