Die Vorwarnung

 

"Eine Untersuchung politischer Akte" wird zwischen den Polen transzendentale Erfahrung und Stadtguerilla entziffert. Bei der Spurensicherung im Rahmen seiner Großfahndung nach Leben sieht sich Cooper, ähnlich wie lange vor ihm Fanon und andere, auf die Infrastrukturen von Basis und Überbau verwiesen: das Gesamt wählbarer Freiheiten (S. 149). Die diesem existentialistischen Standpunkt implizite Dialektik wäre eine materialistische insofern, als sie sich weder an der Einheit, noch an den Gegensätzen der Widersprüche festmacht, sondern Nicht-Raum (ou-topia), Richtung gegen Dialektik als Maske aller eingeräumten Spielregeln ist.

Transzendentale Erfahrung beinhaltet den in das aufgehende Leben zurückgenommenen Tod, dessen exemplarische, metaphysische und biologische Verbesonderung in der ekstatischen Vorwegnahme transzendentaler Erfahrung einübend überwunden werden. Ekstatische Zustände, vermittelt durch Meditation, Spontanerfahrungen und Grenzsituationen, chemisch-biologische Veränderungen durch Drogen wie LSD usw., Krankheitsverläufe wie TBC, Epilepsie usw., orgasmische Aktionen des Sinnes-, nicht nur des Sexualbereichs sind Vehikel und Kanäle, um Individuen und Kollektive revolutionär in Richtung auf Veränderung aller Dimensionen menschenmöglichen Lebens umzugestalten.

Wer sich selbst umbringt, hat die Erfahrung der Nichtigkeit der Transzendentalien (i.S. Kants) schon gemacht. Aber nur, wer dem Terror bis zur Schranke folgt, stirbt den einzig sterbenswerten Tod (S. 148 ff.).

Guerilla wird verstanden als Solidarität mit dem Volk, die nicht nur auf dessen künftige Befreiung zielt, sondern "auf die sehr gegenwärtige Begleitung (des Volkes) in seiner sehr gegenwärtigen Arbeit", durch Volkstribunale und Volksgefängnisse und den darin tätigen Anwälten, Ärzten, Wächtern (S. 148).

Guerilla ist die Probe aufs Exempel der Ekstase. Letztere soll – anders als die fernöstlich-weltflüchtige – alle individuellen und gesellschaftlichen Zustände als "Anwendung von Gewalt in einer gesellschaftlichen Entität oder zwischen gesellschaftlichen Entitäten" verändern. So beispielsweise wird Politik zum Index für Gewaltanwendung, "einer Aktivität, welche die Desorganisation-Reorganisation einer Person, von Teilen der Person oder Gruppen oder Kollektiven des Volks einschließt, zielend auf ein neu gewähltes Ende" (S. 13).

Wer "Tod der Familie" engagiert gelesen hat, d.h. immer mit Blick auf sich selbst die Fäulnisprozesse der bürgerlichen Gesellschaft, diese Todesgrammatik nachvollzogen hat, wird diese "Grammatik des Lebens" umso zwangloser als konstruktive Antwort auf jene allzu emotionalisierte Kritik (Cooper über sich) auffassen, als er aufgefordert ist, das politische Problem darin zu sehen, innerhalb der Lebenserfahrung eine ausreichende Nähe zu all seinen Todesformen herzustellen, um bei klarem Bewußtsein in die komplexen revolutionären Strategien einzutreten, anstatt weiter der schlechten Gewohnheit zu folgen, in Klassen und nationalen Begriffen Unterdrückung, Völkermord und dem nunmehr nahen, endgültigen Verlust unseres Geistes zuzustimmen.

Dieser strategische Entwurf hält sich nicht länger als zur Vorverständigung unabdingbar nötig mit den Entlarvungstechniken gegenüber (falschem) Bewußtsein, (durchgängig gestörter) Kommunikation, Sprache (dem Massenmedium), Normalität (dieser Quintessenz von Verkalkung und Verrücktheit umwillen von Anpassung) auf. An die Stelle des Bewußtseins ist das Gewahrsein getreten (awareness), sagen wir Intuition, worunter jene politische Tat (political act) zu verstehen wäre, die äußerste Gewalt gegen den Tod ist, indem sie nach Überwindung der Grundanschauungsformen von Raum, Zeit, Kausalität usw. (s. Kant) in der ekstatischen Erfahrung den physischen Körper nur noch als ein Sein inmitten der Ausrichtung (orientation, Richtung) auf das revolutionäre Ziel erspürt, fühlt und gewahrt. "Den Tod töten, ist der politischste Akt."

An die Stelle der Massenmedien überhaupt, Sprache und Kommunikation, treten die Massen als das wahre Medium des Ausdrucks einer wiedererlangten Begeisterung, deren Körpersprache diejenige der Massenmedien auf substanzlose Signale reduziert, Lügen straft.

Normalität, als "Normalverhalten" durchgängig andressierte Sklerose, fällt aus diesem Rahmen nur insoweit heraus, als sie eine Taktik darstellt, deren sich die Strategie bedienen kann, wenn es beispielsweise darum geht, eine Zwangsklinisierung (invalidation) zu vermeiden.

Die Lösung dieser strategischen Aufgabe steht und fällt mit der Entwicklung der Fähigkeit, die wichtigsten Strukturgesetze und Widersprüche jeder Art im Kollektiv vorweg zu kennen. Werden die Gesetzmäßigkeiten für Kollektive dieser Ausrichtung nicht beachtet, so versandet die Gruppendynamik zwangsläufig über kurz oder lang in schlimmstenfalls auch noch psychoanalytisch verbrämter Kleinkrämerei. Spitzen sich die Momente des jedem Kollektiv immanenten zentralen Widerspruchs zwischen mikro- und makropolitischen Akten (s.u.) zu, wird der kritische Umschlagspunkt (µ-shift, Cooper) nicht bewältigt, so resultiert die Einseitigkeit und Dominanz des einen Moments über das andere und "auf Kosten des anderen". Ergebnis sind Scheitern und Zerfall der Kollektivarbeit, sei es in Kleinkram, sei es in beziehungslosem Aktionismus.

Mikropolitische Akte sind Gewalt im Zusammenhang mit Herzinfarkt, Magengeschwür, Hirnprodukten wie Träume, Ansichten, Fantasmen. Gewalt gegen die "Innereien", die nach allen Regeln der Eigentumspolitik von den Betroffenen eingesetzt, wie auf einer Art "innerlichem" Transplantationsmarkt in Zahlung gegeben, verschaukelt werden. Das Feld der Mikropolitik erstreckt sich bis in die "Innereien" der Binnenbeziehungen mit allen gut bekannten Kontaktpersonen des alltäglichen Umgangs. Es ist geprägt vom bürgerlich-familiären Rollenspiel als hervorragender Einübungsstätte in bürokratisch-faschistische Verantwortungslosigkeit und endet in den Übertragungs- und sonstigen Analysen in sog. therapeutischen Gruppensituationen – zappelnd im Netz von Fixierungen und persönlicher Vorgeschichte.

Das Strukturgesetz dieser mikropolitischen Gewaltakte (und ihrer Auflösung) im spiralisierenden Binnensystem (spiralling internal system) besteht in der Erfahrungsbildung zwischen "A, der B erfährt und umgekehrt, und A, der B ihn erfahren erfährt und der B's Erfahrung von A's Erfahrung erfährt, daß nämlich A ihn erfährt usw." Mit anderen Worten: was wissen die Beteiligten voneinander, was meint der eine, was der andere von ihm hält, wie versteht er das Verständnis des Anderen, welchen Einfluß hat dieser Akt auf die Veränderung der Wechselbeziehungen usw.

Ein also schlecht-unendlicher Progreß von Negation und Neuaufbau hinsichtlich Erfahrung, der sich äußerstenfalls an der Makropolitik bricht, haltlos in sich zurückschwappt und keinerlei Widerstandsaktivität jenseits des extrem kurzsichtigen Raums möglich macht.

Das Teile-und-Herrsche-Prinzip bürgerlicher Bewußtseinskolonisierung – hier zwischen Mikro- und Makropolitik – wäre damit einmal mehr wiederhergestellt.

In der Großgruppenkollektivität (makropolitische Ausrichtung) hingegen – man denke an Parteibildungen, Gewerkschaften usw. – herrscht das Strukturgesetz dessen, was man reaktive Serienbildung (Serienbildung in Reaktion auf den kleinsten gemeinsamen Nenner) nennen könnte. Sofern einer den andern kennt, so bleiben die resultierenden Erfahrungsprozesse dennoch dem Ganzen äußerlich, es sei denn, es bilden sich innerhalb der Großgruppenkollektivität untereinander festverbundene Mikrogruppen aus, die dann ihrerseits geeignet sind, die bruchlose Transformation zu bewirken.

Ob es sich um institutionalisierte Kollektive mit festen Statuten und demgemäß zu überwindenden Schranken handelt oder besser um spontane Kollektive, in denen die Erfahrungsbildung aller untereinander im Blick auf ein wirksames Handeln freisetzendes Ziel zustande kommt, immer muß es darum gehen, den in den Verhältnissen angelegten Bruch zwischen Emanzipation und revolutionärem Sozialismus zu vermeiden. Alle Bemühungen zielen auf die Schaffung des "anonymen" Kollektivs der mehreren hundert "Namenlosen".

Im Blick auf den politischen Anspruch ist es nicht unwichtig hervorzuheben, daß, was sonst für einen zentralen Ansatzpunkt politischer Akte schlechthin gehalten wird, der Klassenantagonismus, bei Cooper nur eine weitere Formation der Makropolitik darstellt, gefolgt von Geopolitik und Kosmopolitik. Letztere, wie übrigens durchgängig alle Kategorien, seien sie auch nur psychoanalytischer Natur (es darf künftig weder "therapiert", noch "belehrt" werden, Regression ist kein Abwehrmechanismus, sondern Konstituens notwendiger Erfahrungsbildung auf dem Weg der Rückgewinnung des Lebens usw.), Kosmopolitik nämlich hat auf dem Hintergrund transzendentaler Erfahrung weit mehr mit Techniken zur Beherrschung archetypischer Fantasmen zu tun, als mit den Zielen der derzeit Herrschenden, den Weltraum unter ihre Kontrolle zu bringen, denn es geht um die Entwicklung einer Konterstrategie gegen diesen "Wahnsinn".

Es gilt eben für die Beziehung zum Kosmos dasselbe, wie für diejenige zu den "Innereien": sie ist entweder Therapie oder Gewalt.

Die Vorstellung, es könnten etwa Kommunen prinzipiell als Mittel der revolutionären Strategie in Betracht gezogen werden, wird mit Nachdruck zurückgewiesen (S. 123), nicht zuletzt aufgrund der vom Autor auch in der 3. Welt gemachten Erfahrungen. Die Kommune als solche bringe es nicht einmal bis zur "Erleuchtung des inneren Lebens".

Wo umgekehrt revolutionärer Aktivismus zentrale Bedeutung hat, dürfen die Aspekte der Mikropolitik (vielfach als der "ganze private Mist" denunziert) umso weniger vernachlässigt werden, als die für den Aktionismus entscheidend wichtige Voraussetzung der transzendentalen Meditation in keinem Fall bis zu den letzten Stufen erreichbarer Erleuchtung ausufern dürfe, in jedem Fall dem "revolutionären Imperativ" unterzuordnen sei. Die Einigkeit, deren Reflex und Ausdruck die Aktion sein soll, kann aber nur die mikropolitisch entwickelten Erfahrungsakte zum Inhalt des sich zurückerobernden Lebens haben, nicht dessen Auflösung in ein anonymes kosmisches "Selbst" (mit anderen Worten: in die von der weltweiten Unterdrückung allenthalben angestrebte Alleinherrschaft des körperlosen Gedankens).

Wenn Cooper seinen politischen Standort dort lokalisiert, von wo aus Tod und Krankheit zu tendenziell überwundenen Momenten des Prozesses revolutionärer Vergesellschaftung herabgesetzt werden, so ist er gleich weit von konservativen, liberalen und faschistischen Positionen entfernt (die Wahrheit des Nazismus – wie liberal usw. auch immer getarnt – ist die Beseitigung von Verzweiflung, Schmerz und Hinfälligkeit durch Liquidation ihrer Träger im Interesse des kapitalistischen Verwertungsprozesses).

Es besteht daher umso weniger Anlaß, seine Distanzierung von den Wesensgehalten marxistischer Philosophie mitzuvollziehen, die er durchweg mit Inhalten aus der Trickkiste jahrtausendealter, gesamtgesellschaftlich bis heute steril gebliebener Yoga-Praktiken zu ersetzen sucht, als in der Gestalt der Fortentwicklung dieser Philosophie in Richtung auf die Transzendentalien (Sohn-Rethel), auf das Transzendieren (Sartre bis Bloch) und nicht zuletzt auf wie immer bewaffnete Praxis (Fanon) Stolleneingänge freizulegen, die geeignet sind (und die es bitter nötig hätten), gegen die Objektivität des letztlich immer mit individueller Entgrenzung voll ausgelasteten Subjekts geöffnet zu werden.

Massenwirksam und ganz alltäglich werden die unsere Erfahrung verrückenden Transzendentalien in jedem geldvermittelten Tauschakt überschritten und zementiert: der Tauschwert (Äquivalent) abstraktifiziert (Sohn-Rethel) und setzt, affirmiert die Grundformen der Erfahrung, zwingt uns in das "bestimmte Nichts" der Wertform, dem universalen Quellpunkt einer Erfahrungsbildung, die zwar geeignet ist, Wirkungsquanten (Planck) mit den Eigenschaften Raum, Zeit, Materie, Energie und deren Beziehungen zu kapitalisieren, gesellschaftliches Sein jedoch auf einen Prozeß fortgesetzter Schrumpfung am Leitfaden Krankheit beschränkt.

Ob es sich bei der transzendentalen Meditation und der vom revolutionären Imperativ geforderten Rückkehr am Ende nur um einen Ableger, einen reproduktiven Gedankenakt in Hinsicht auf das handelt, was wir eben bloß handelnd-behandelt sowieso und schon immer tun?

Ob der so schwierige Wechsel, Umschlag zwischen Mikro- und Makropolitik (µ-shift, Cooper) nicht besser in der Immanenz tätiger Vermittlung und gegenwendiger Aneignung des medizin-militärischen Gewaltpotentials aufgehoben ist als in der wesensmäßig neutralen, taktischen Zielvorstellung Stadtguerilla und zwar gerade in der Form der "mehrere hundert Namenloser" und seien sie mit allen Wassern der Meditation und Todeserfahrung gewaschen?

Was soll jene Massen, die medizinisch (wohlgemerkt) total anaesthesiert sind, dazu bringen, die aufs Äußerste gesteigerte Sensibilität der Revolutionäre als Begleitung auch nur zu erfahren, solange die Iatrokratie ungebrochen fortbesteht?

In der "Grammatik des Lebens" nachzuschlagen, ist beim derzeitigen Stand dieser Fremdsprache (Entfremdungssprache) schlechthin für jedes auf Selbstkontrolle und Selbstorganisation angewiesene Kollektiv überlebenswichtig.

 

Frühjahr 1976

Huber PF/SPK(H) WD, Dr.med.

Aus SPK-Dokumentation Teil 3, 1. Auflage 1977

PF/SPK(H), 17.02.2014